Hochwasser: Regionale Beispiele für gelungene Schutzkonzepte

Eine Blaupause für bestmöglichen regionalen Schutz vor Schäden durch Starkregen und Hochwasser gibt es nicht. Zu individuell sind die Einflussfaktoren für die Auswirkungen extremer Regenereignisse. Trotzdem lohnt es sich für Kommunen, über den Tellerrand zu schauen, wie einige Vorreiter des regionalen Starkregen- und Hochwasserschutzes vorgegangen sind. Wir zeigen Projekte aus dem Landkreis Fulda und dem Rems-Murr-Kreis. Wir erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit, freuen uns im Gegenteil über weitere Hinweise auf gelungene Leuchtturmprojekte des Starkregen- und Hochwasserschutzes – kontaktieren Sie uns gerne.

Best Practice-Beispiel Starkregen Landkreis Fulda

Fulda, Dom (Pixabay, User: Gentle07)

Zusammenfassung des Abschlussberichts „eRisikomanagement – Starkregenfrühalarmsystem“ im Landkreis Fulda

Immer öfter kommt es zu extremem Starkregen, der große Schäden verursacht. Weil normale Frühwarnsysteme oft zu spät reagieren und kleine Bäche oder Gräben nicht ausreichend überwachen, hat der Landkreis Fulda ein regionales Frühwarnsystem entwickelt.

Im Landkreis Fulda ist ein digitaler Pegel über der Oberfläche eines Fließgewässers montiert.
Der Messpegel eines Fließgewässers im Landkreis Fulda.© Landkreis Fulda

Das neue System verbindet drei Dinge:

  1. Gefahrenkarten, die zeigen, wo Wasser bei starkem Regen gefährlich werden kann,
  2. Sensoren, die Regen, Wasserstände und den Zustand von Kanälen messen,
  3. Eine Warn-App, die die Verwaltungen, Feuerwehren und Bürgerinnen und Bürger rechtzeitig alarmiert.

Insgesamt wurden im Landkreis 185 Sensoren installiert. Die Daten werden in einer zentralen Internet-Plattform gesammelt und automatisch ausgewertet, um bei Gefahr Warnmeldungen zu verschicken.

Zwei Abschnitte

Das Projekt wurde in zwei Abschnitten umgesetzt: Zuerst in vier Testgemeinden, danach in allen 23 Städten und Gemeinden des osthessischen Landkreises. Der Landkreis entschied sich bewusst dafür, alle Gemeinden gemeinsam zu beteiligen, weil Gewässer und Wasserströme nicht an Gemeindegrenzen haltmachen. Dadurch konnten auch Kosten gespart und die Arbeit besser organisiert werden.

Erfahrungen aus dem Projekt:

  • Alle Gemeinden fanden das neue System sinnvoll.
  • Besonders wichtig ist die schnelle Warnung der Feuerwehren und Verwaltungen, aber auch der Bürgerinnen und Bürger.
  • Bürgerinnen und Bürger sollen lernen, sich besser selbst zu schützen, zum Beispiel durch das Abdichten von Häusern oder das Anlegen von Rückhalteflächen für Wasser.
  • Erste Erfahrungen zeigen, dass viele Menschen das Thema noch nicht ernst genug nehmen, aber Interesse da ist.
  • Die Behörden wollen auch weiterhin daran arbeiten, die Menschen zu informieren und sie auf Gefahren vorzubereiten.

Wirtschaftliche Betrachtung

Das Projekt zeigte, dass eine zentrale Umsetzung durch den Landkreis günstiger ist als viele einzelne Projekte in jeder Gemeinde. Außerdem bringt die gemeinsame Arbeit Vorteile beim Austausch von Informationen und bei der Wartung der Technik.

Technik des Systems

Die Sensoren sind mit einem Funknetz verbunden und senden regelmäßig Daten. Die Warnungen werden automatisch über eine App, SMS oder E-Mail verschickt. Die Nutzung einer Internet-Cloud macht das System flexibel, aber es hängt auch vom jeweiligen Anbieter ab.

Die Durchflussleistung eines Kanals wird mithilfe eines Gullideckelwächters in Echtzeit aufgezeichnet.
Ein Gullideckelwächter misst die Durchflussleistung des darunter liegenden Kanals. © Landkreis Fulda

Ausblick und Empfehlungen:

  • Das System sollte weiter ausgebaut und länger betrieben werden, um noch mehr Erfahrungen zu sammeln.
  • Die Zusammenarbeit zwischen den Gemeinden ist besonders wichtig, weil Wasser sich nicht an Grenzen hält.
  • Neben Schutz vor Starkregen sollten künftig auch andere Wetterextreme wie Dürre stärker beachtet werden.
  • Das Projekt sollte als Vorbild für andere Regionen dienen.

Fazit

Das neue Starkregenwarnsystem ist ein wichtiger Schritt, damit Städte und Gemeinden sich besser auf heftige Regenfälle vorbereiten können. Es hilft nicht nur Behörden und Einsatzkräften, schneller zu reagieren, sondern gibt auch Bürgerinnen und Bürger wichtige Hinweise, damit sie sich selbst besser schützen können.

Hier können Sie den Bericht herunterladen.


Best-Practice-Beispiel: Hochwasserschutz- und Starkregenmanagement im Rems-Murr-Kreis:

Interkommunale Zusammenarbeit für wirksamen Schutz

An einem Fließgewässer im Rems-Murr-Kreis ist ein vernetzter Pegel installiert.
© Landratsamt Rems-Murr-Kreis

Einleitung

Der Klimawandel führt zu einer Zunahme von Extremwetterereignissen wie Starkregen und Sturzfluten, aber auch Hagel und Flusshochwasser. Diese Naturereignisse machen nicht an kommunalen Grenzen halt und stellen Landkreise mit komplexer Topographie und dichten Siedlungsstrukturen vor besondere Herausforderungen. Der Rems-Murr-Kreis in Baden-Württemberg, geprägt durch mehrere Flusssysteme wie Rems, Murr und Lein, hat deshalb frühzeitig auf die Notwendigkeit eines koordinierten Starkregenmanagements reagiert und ein umfassendes Programm zur Hochwasservorsorge entwickelt. Ziel ist es, Kommunen beim Umgang mit Starkregen und Hochwasser zu unterstützen, Risiken frühzeitig zu erkennen, Schäden zu minimieren und die Bevölkerung zu sensibilisieren. Dabei kommt der interkommunalen Zusammenarbeit eine zentrale Bedeutung zu.

Herausforderungen

Die Rems und ihre Zuflüsse verlaufen durch mehrere Kommunen. Ein Rückhaltebecken oder eine bauliche Maßnahme am Oberlauf kann entscheidend für den Schutz weiter flussabwärts gelegener Orte sein. Ebenso können Versäumnisse einer Gemeinde Auswirkungen auf andere haben. Diese Tatsache erfordert ein Denken in Einzugsgebieten und ein Handeln jenseits kommunaler Zuständigkeiten. Kommunen im Kreis unterscheiden sich zudem stark in ihren finanziellen, personellen und infrastrukturellen Möglichkeiten. Das bedeutet, dass auch die Bereitschaft und Fähigkeit zur Vorsorge variiert. Hier schafft der Wasserverband Rems als Zusammenschluss aller Anrainerkommunen durch gezielte Angebote einen Ausgleich. Der Landkreis ist dabei beratend und unterstützend beteiligt.

Zwischen Schorndorf und Winterbach ist ein Regenrückhaltebecken parallel zur B29 vollgelaufen.
Das vollgelaufene Regenrückhaltebecken an der Rems zwischen Schorndorf und Winterbach an der B29. © Landratsamt Rems-Murr-Kreis

Die fünf Säulen des Hochwasser- und Starkregenmanagements im Rems-Murr-Kreis

Das Hochwasser- und Starkregenmanagement im Rems-Murr-Kreis verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz, der auf fünf zentralen Säulen beruht:

1. Information und Sensibilisierung

Der Rems-Murr-Kreis versteht die Bevölkerung nicht nur als Betroffene, sondern als aktive Mitwirkende im Umgang mit Starkregen und anderen Naturgefahren. Ziel ist es, das Bewusstsein für konkrete Gefahrenlagen zu schärfen und Eigenverantwortung zu fördern. Der Landkreis stellt dazu Informationsmaterialien zur Eigenvorsorge, zum Krisenmanagement und zur baulichen Vorsorge bereit. Er unterstützt die Kommunen bei der Planung lokaler Informationskampagnen und vermittelt Beratungsangebote zu baulichen Schutzmaßnahmen – etwa zur Rückstausicherung, zu druckdichten Kellerfenstern oder zur Auswahl hochwassersicherer Bauplätze.

2. Kommunales Starkregenrisikomanagement

Der Rems-Murr-Kreis empfielt die Umsetzung des baden-württembergischen Leitfadens „Kommunales Starkregenrisikomanagement“ über kommunale Grenzen hinweg. Als Kooperationsprojekte beispielsweise durch den Wasserverband Rems, den Zweckverband Hochwasserschutz Weissacher Tal oder das Kooperationsprojekt der Kommunen Alfdorf, Kaisersbach und Welzheim sind inzwischen für das gesamte Kreisgebiet Starkregengefahrenkarten erstellt worden oder sind kurz vor der Fertigstellung (Stand Februar 2026). Darauf aufbauend entwickelten die Kommunen lokale Handlungskonzepte mit konkreten Maßnahmen, die nach Dringlichkeit priorisiert wurden. Der Landkreis stellte über ein Kompetenzzentrum verfügbare praxisnahe Arbeitsmaterialien bereit und begleitete die Kommunen über alle Projektphasen hinweg – von der ersten Gefährdungsanalyse bis zur Integration der Maßnahmen in Bauleitplanung, Katastrophenschutz und Planung neuer Baugebiete, etwa durch die Anpassung der Oberflächenabflusskennwerte.

3. Krisenmanagement und Einsatzplanung

Um die Einsatzfähigkeit bei Hochwasser und Starkregen zu verbessern, hat der Rems-Murr-Kreis ein kreisweites Krisenmanagementsystem etabliert. Dabei nutzen die Kommunen das Flut-Informations- und Warnsystem (FLIWAS), das Daten zu Wetterlagen, Pegelständen und Gefahrenkarten bündelt. Der Landkreis berät die Städte und Gemeinden bei der Erstellung und Pflege digitaler Alarm- und Einsatzpläne. Das Land Baden-Württemberg stellt Werkzeuge zur Visualisierung von Einsatzlagen auf digitalen Karten zur Verfügung. Zusätzlich organisieren sowohl Land als auch Landkreis regelmäßig Schulungen, um im Ernstfall schnelle und koordinierte Maßnahmen zu ermöglichen.

4. Förderung und Unterstützung

Der Rems-Murr-Kreis hat gezielt dazu beigetragen, kommunale Ressourcenengpässe zu überbrücken. Er unterstützt die Städte und Gemeinden bei der Beantragung von Fördermitteln – etwa nach der Förderrichtlinie Wasserwirtschaft Baden-Württemberg – und berät zu weiteren Programmen auf EU-, Bundes- und Landesebene. Darüber hinaus hilft der Kreis bei der technischen Vorbereitung geplanter Maßnahmen, etwa beim Bau von Rückhaltebecken, Regenrückhalteanlagen oder bei der naturnahen Gewässerentwicklung.

5. Kontinuierliche Weiterentwicklung

Das Starkregenmanagement im Rems-Murr-Kreis wird laufend weiterentwickelt. Maßgeblich sind dafür das Land Baden-Württemberg und die Kommunen verantwortlich. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse, aktuelle klimatische Entwicklungen sowie Erfahrungen aus realen Ereignissen fließen kontinuierlich in die Fortschreibung der Konzepte ein. Der Landkreis organisiert regelmäßig Workshops und Fachveranstaltungen, in denen Vertreter der Kommunen gemeinsam mit Fachinstitutionen – wie dem Regierungspräsidium, dem Landesamt für Umwelt und wissenschaftlichen Einrichtungen – bestehende Strategien überprüfen und weiterentwickeln. Gefahrenkarten, Alarmpläne und Einsatzkonzepte werden fortlaufend aktualisiert, um den Schutz der Bevölkerung weiter zu verbessern.

Hochwasserrückhaltebecken bei Oberndorf, einem Ortsteil von Rudersberg.
Das Durchlassbauwerk des im Bau befindlichen Hochwasserrückhaltebeckens bei Oberndorf, einem Ortsteil von Rudersberg. © Landratsamt Rems-Murr-Kreis

Werkzeuge zur Förderung der interkommunalen Zusammenarbeit im Rems-Murr-Kreis

Zentral für den Erfolg des Programms ist die übergreifende Zusammenarbeit der Kommunen. Das Land Baden-Württemberg und der Landkreis stellen dafür mehrere Werkzeuge und Instrumente bereit:

1. Hochwasserpartnerschaften

Das Land unterstützt sowohl logistisch als auch finanziell die Bildung und Pflege sogenannter Hochwasserpartnerschaften. Diese umfassen koordinierte Schutzmaßnahmen entlang eines Gewässers, sodass Rückhaltevolumen und Fließwege optimal genutzt werden. Es werden gemeinsame Schulungen und Übungen für Personal aus unterschiedlichen Kommunen durchgeführt, so dass von den Erfahrungen der Nachbarschaft profitiert werden kann. Kommunen mit mehr Erfahrung oder Personal können im Rahmen der Partnerschaft kleinere Gemeinden unterstützen, beispielsweise durch gemeinsame Gefahrenkarten.

2. Kompetenzzentrum Wasser und Boden

Mit dem 2025 neu strukturierten „Kompetenzzentrum Wasser und Boden“ gibt es im Kreis eine zentrale Anlaufstelle. Das Zentrum initiiert und betreut Netzwerke zwischen Kommunen, Wasserwirtschaftsämtern, Feuerwehren und privaten Akteuren. Es stellt Checklisten, Leitfäden, Visualisierungen und Präsentationen für die kommunale Öffentlichkeitsarbeit bereit und fördert gemeinsame Veranstaltungen. Das Zentrum bietet weiterhin direkte Hilfe bei der Ausgestaltung kommunaler Hochwasserkonzepte, auch in planerischer und baulicher Hinsicht. Das Kompetenzzentrum ist somit ein zentraler Motor der interkommunalen Zusammenarbeit. Die Anschaffung und (Weiter-) Entwicklung moderner Tools zur Risikobewertung, Alarmierung und Visualisierung wird dabei finanziell vom Land Baden-Württemberg unterstützt.

Technische und organisatorische Instrumente

Um den komplexen Anforderungen gerecht zu werden, kommen verschiedene technische und organisatorische Hilfsmittel zum Einsatz:

  • FLIWAS (Flut-Informations- und Warnsystem): Dieses System bündelt Pegelstände, Wetterdaten und Gefahrenkarten und erlaubt den Kommunen, in Echtzeit fundierte Entscheidungen zu treffen.
  • Digitale Einsatzpläne: Alarm- und Einsatzpläne werden softwaregestützt erstellt und können bei Bedarf sofort aktualisiert und mit allen relevanten Akteuren geteilt werden.
  • Lagekartierung: Einsätze werden digital dokumentiert und visualisiert – auch im Nachgang ein wertvolles Werkzeug zur Analyse.
  • Oberflächenabflussmodelle: Geoinformationssysteme (GIS) ermöglichen die Simulation von Abflusswegen bei Starkregen und helfen bei der Identifikation von Hotspots.
An einem Fließgewässer im Rems-Murr-Kreis ist ein vernetzter Pegel installiert.
Der automatisierte und vernetzte Pegel an einem Fließgewässer im Rems-Murr-Kreis.© Landratsamt Rems-Murr-Kreis

Noch bestehende Herausforderungen

Trotz der positiven Entwicklung bleiben Herausforderungen bestehen. Technisch sinnvolle Maßnahmen wie Rückhaltebecken oder Gewässerrenaturierungen stoßen häufig auf bürokratische Hürden. Naturschutz, Grundstücksfragen oder Träger öffentlicher Belange verzögern die Umsetzung.

Trotz vieler Aufklärungskampagnen fehlt in Teilen der Bevölkerung das Risikobewusstsein. Manche Betroffene erwarten vollständigen Schutz durch den Staat – dabei ist die Eigenvorsorge das zentrales Element erfolgreicher Schadensvermeidung. Die öffentliche Hand ist dabei im Rahmen der Bauleitplanung verpflichtet, die Voraussetzungen zu schaffen, dass sicheres Bauen möglich ist.

Fazit

Das Hochwasser- und Starkregenmanagement im Rems-Murr-Kreis ist ein beispielhaftes Modell für die Verbindung technischer, organisatorischer und zwischenmenschlicher Maßnahmen im Umgang mit zunehmenden Wasserextremen. Die Kombination aus Fachberatung, Förderung, Netzwerkbildung und Digitalisierung bildet die Grundlage für eine wirksame Vorsorge. Die interkommunale Zusammenarbeit – unterstützt durch Hochwasserpartnerschaften, das Kompetenzzentrum Wasser und Boden sowie moderne Informationssysteme – hat sich dabei als zentraler Erfolgsfaktor erwiesen. Dennoch gilt es, bestehende Schwächen in der Umsetzung, Finanzierung und Kommunikation weiter anzugehen. Der Weg zu mehr Resilienz gegenüber Hochwasser und Starkregen ist lang – aber mit dem eingeschlagenen Kurs zeigt der Rems-Murr-Kreis, wie man ihn konsequent und zukunftsfähig beschreiten kann.