Hochwasser – was kann es anrichten?
Wenn in kurzer Zeit enorm viel Regen fällt, kann es passieren, dass Böden und Vorfluter nicht mehr das gesamte Regenwasser aufnehmen können. Das gesammelte Wasser lässt Bäche, Flüsse und Ströme anschwellen, sie über ihre Ufer treten – das Hochwasser ist da. Es kann technische und Verkehrsinfrastruktur überspülen sowie Siedlungen und landwirtschaftliche Flächen fluten. Sowohl das Wasser selbst als auch mitgeführte Stoffe – Treibgut und Schadstoffe – sorgen für schwere Schäden.

Verminderte Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens
In der Regel sind Böden sehr aufnahmefähig für Wasser, es sei denn es handelt sich um lehmig-tonigen Boden. Verschiedene (darunter viele menschliche) Faktoren können aber die Aufnahmefähigkeit senken. Dazu gehören versiegelte Flächen und verdichtete Böden. Natürliche Ursachen für verminderte Wasseraufnahmefähigkeit sind ausgetrocknete oder bereits gesättigte Böden. Sehr trockene Böden brauchen eine Weile, bis sie Regenwasser aufnehmen können. Bei einem Starkregen reagiert ein ausgetrockneter Boden daher ähnlich einer versiegelten Fläche: Das Wasser kann nur oberflächlich abfließen. Ist der Boden hingegen aufgrund langanhaltenden Dauerregens gesättigt, kann kein weiteres Wasser versickern – der zusätzliche Regen fließt ebenfalls an der Oberfläche ab. Sind dann die Vorfluter, also Entwässerungsgräben, Bäche und Flüsse sowie in bebauten Gebieten die technische Abwasserinfrastruktur voll, kommt es zum Hochwasser. Gefährdet sind hier in erster Linie Uferrandbereiche, bei schweren Hochwassern aber durchaus auch weit vom Flussufer entfernte Gebiete. Welche genau, erfahren Sie hier.
Sturzflut oder Flusshochwasser?
Grob unterscheiden sich eine Sturzflut und ein Flusshochwasser. Die Sturzflut geht nach heftigen Regenfällen etwa während eines Gewitters in hügeligen und bergigen Gegenden nieder. Ein Flusshochwasser entsteht meistens entweder in Folge einer Sturzflut oder (häufiger) nach langanhaltendem großflächigem Regen oder der Schneeschmelze. Flusshochwasser treten in breiten Flusstälern und im Flachland auf. Ein Flusshochwasser verläuft in Wellen, seine Ursachen sind vorhersehbarer, seine Folgen absehbarer. Auch wenn ein Hochwasser vorhergesagt und davor zeitig gewarnt werden kann, birgt es doch enorme Gefahren.
Das Gelände leitet das Wasser zum Haus
Die Geländestruktur des Grundstücks kann Schaden am Haus begünstigen. Wenn etwa das heranrückende Hochwasser durch die Grundstücksstruktur – zum Haus hinführendes Gefälle, tief liegende Garagenzufahrten, außenliegende Kellerabgänge – hin zum Gebäude geleitet wird, kann schnell der Keller volllaufen. Ab einer gewissen Hochwasserhöhe spielt das zwar keine Rolle mehr. Eine resiliente Geländestruktur und Bauform aber schützen im besten Fall vor dem Hochwasser, bringen im ungünstigsten Fall immerhin kostbare Zeit, um auf das anrückende Hochwasser reagieren zu können.
Dichte Bebauung bietet keine Rückstauzonen
Vor allem in Ortskernen und Innenstädten steht die Bebauung oft so eng, dass das Hochwasser wenig Platz hat. Es sucht sich aber seinen Weg – oftmals dann in Keller und andere tiefliegende Gebäudeteile.
Volle Abwasserkanäle drücken das Wasser zurück ins Haus
Bei einem großflächigen Hochwasser werden auch die Abwassersysteme überflutet. Gullyschächte laufen voll, Abwasser wird zurück in Richtung der Häuser gedrückt. Dort laufen Abflüsse und Toiletten über. Das ist nicht nur unappetitlich, es birgt auch große Gesundheitsgefahren.
Was tun?
Ein möglichst entsiegeltes und mit unterschiedlichen Pflanzen bewachsenes Grundstück bietet viel Platz für heranrückendes Hochwasser. Das kann bei kleinen Ereignissen oder bei Grundstücken am äußersten Rand des Hochwassers schon für ausreichenden Schutz sorgen.
Hochgelegene Hauszugänge
Hauszugänge (Haustür, Fenster, Nebeneingangstür) sollten oberhalb des prognostizierten Hochwasserhorizonts liegen. Je nach Risikogebiet können dazu unterschiedliche Prognosen (zum Beispiel HQ10, HQ100, HQextrem) herangezogen werden.
Keller oder nicht?
Hat ein Haus keinen Keller, kann der auch nicht volllaufen. Andererseits: Ein Keller kann das darüber liegende Geschoss auf eine Ebene oberhalb des prognostizierten Hochwasserhorizonts anheben. Ein Gebäude ohne Unterkellerung hat seine Zugänge in der Regel ebenerdig. Dort kann nun Hochwasser wieder leichter eindringen. Klären Sie daher bei einem Neubau in einem gefährdeten Gebiet alle möglichen Optionen mit Ihrem Architekturbüro ab.
Keller vorhanden: Abdichten!
Ist ein Keller vorhanden, sollte er dicht sein. Das bedeutet entweder die Ausführung als so genannte Weiße oder Schwarze Wanne, oder mit der Option, kontrolliert geflutet zu werden. Außen liegende Kellerzugänge, Kellerfenster und Lichtschächte sind die Schwachstellen eines Kellers. Hier können druckwasserdichte Fenster und Türen zum Einsatz kommen. Außenliegende Kellertreppen sollten eine Schwelle bekommen, Lichtschächte bis über den prognostizierten Hochwasserhorizont abgemauert werden. Für Lichtschächte gibt es alternativ wasserdichte Abdeckungen, die im Bedarfsfall schnell angebracht werden können. Hauszuleitungen sollten ausreichend druckwasserdicht sein.
Sensorik
Für Gebäude in gefährdeten Gebieten gibt es technische Lösungen, die auch im privaten Bereich die Vorwarnzeiten verlängern: Sensoren im Keller und in kritischen Räumen warnen frühzeitig vor eindringendem Wasser. Verbunden mit Smart-Home-Systemen warnen sie die im haus lebenden Personen und können erste Schutzmaßnahmen automatisiert einleiten. Diese Sensoren können gleichzeitig vor Trinkwasserschäden warnen und etwa im Schadenfall die Hauptzuleitung zum Gebäude automatisch schließen.
Die drei unterschiedlichen Strategien bei Überflutung
Je nach der potenziellen Gefährdung Ihres Gebäudes gibt es drei Strategien, auf Überflutung zu reagieren: Vermeiden, widerstehen oder anpassen. Die Vermeidungsstrategie sieht vor, Hochwasser erst gar nichts ans Gebäude heranzulassen – etwa durch ausreichende Drainage, Versickerung und das Wegleiten des Wassers vom Haus. Das hilft bei großflächigem Flusshochwasser nur bedingt. Liegt Ihr Gebäude allerdings am Rand des Hochwassers oder steht dieses nur wenige Zentimeter hoch, kann ein solcher eigentlich für Starkregen gedachter Schutz auch bei Hochwasser entscheidend sein. Sind Sie aktuell auf der Suche nach einem Baugrundstück oder wollen Sie ein Haus kaufen, ist eine weitere Schutzstrategie, bewusst einen sicheren Standort zu wählen.
Beim Widerstehen wird das Gebäude so errichtet oder ertüchtigt, dass Wasser nicht ins Gebäude gelangen kann. Das beinhaltet eine wasserdichte Bodenplatte und einen wasserdichten Keller sowie wasserdichte Zuleitungen, Fenster und Türen. Anpassen bedeutet, tiefliegende Gebäudeteile als Überflutungsfläche in Kauf zu nehmen. Dann werden sie so angelegt, dass bei eindringendem Wasser der Schaden möglichst gering ausfällt. Bauelemente für alle drei Szenarien finden Sie in unserem Bauteilregister.
Strategien kombinieren
Insbesondere bei einem Neubau in einem gefährdeten Gebiet lassen sich diese drei Strategien kombinieren. Modellieren Sie Ihr Grundstück so, dass Regenwasser bestmöglich vom Gebäude weggeleitet werden kann. Gleichzeitig sollten Sie Zugänge zum Haus so anlegen, dass Oberflächenwasser nicht ohne Weiteres ins Gebäude eindringen kann. Auch die im Erdreich liegenden Kellerwände und die Kellersohle sollten ausreichend abgedichtet sein. Schließlich lässt sich die Hausinfrastruktur so gestalten, dass von eindringendem Wasser möglichst wenig Schaden ausgeht. Die Haustechnik sollte dann beispielsweise über der Rückstauebene installiert werden.
Rückstauschutz ist wichtig
Ist das Kanalnetz überlastet, kann Wasser (Schmutz-, Regen- oder Mischwasser) zurück in die Häuser gedrückt werden. Verhindern lässt sich das recht einfach mit Rückstauklappen. Die gibt es mechanisch oder – in Verbindung mit einer hausseitigen Sensorik – elektronisch gesteuert. Etwas aufwändiger ist der Rückstauschutz über eine Hebeanlage. Dabei wird das Abwasser aus tiefliegenden Abflüssen mithilfe einer Pumpe über die Rückstauebene – in der Regel das Straßenniveau, bei Hochwasser aber durchaus auch darüber – gehoben. Bei einer Hebeanlage kann weiterhin der Wasserkreislauf des Hauses genutzt werden. Hat das Haus nur einen Rückstauschutz mittels Klappen, kann während eines Starkregens der Abwasserablauf unterbrochen werden. Die Nutzung der Toilette etwa wäre dann nicht möglich. Zertifizierte Rückstauelemente finden Sie in unserem Bauteilregister.
Mobile Schotts
Der klassische mobile Hochwasserschutz ist der Sandsack. Es gibt darüber hinaus weitere mobile und temporäre Schutzmaßnahmen. Dazu zählen Klemmschotts, die in Garagentor-, Tür- und Fensterrahmen geklemmt werden können, aufblasbare Barrieren für Hauszugänge sowie freistehende Elemente, die als lange provisorische Deiche Freiflächen schützen können.
Regelmäßig warten
Egal für welche Strategie Sie sich entscheiden: Wichtig ist, alle technischen Einrichtungen regelmäßig zu warten. Das beinhaltet Rückstauklappen und Hebeanlagen sowie vorgehaltene, temporäre Barrieren. Nur, wenn sie einwandfrei funktionieren, erfüllen sie auch die von Ihnen gewünschte Schutzfunktion.
Prävention nicht zulasten Dritter
Umfassender Hochwasserschutz fängt auf dem eigenen Grundstück an, setzt sich aber an der Grundstücksgrenze fort. Wer auf seinem Grundstück Hochwasserschutzmaßnahmen trifft, muss darauf achten, dass dadurch keine Nachbargrundstücke gefährdet werden. Mauern, Aufschüttungen oder Wasserumleitungen dürfen den natürlichen Wasserabfluss nicht blockieren oder umlenken. Andernfalls drohen rechtliche Konsequenzen wie Unterlassungsansprüche, Schadensersatzforderungen oder behördliche Auflagen. Besonders kritisch wird es, wenn durch eigene Schutzbauten Wasser gezielt auf Nachbarflächen gelenkt wird. Daher ist es ratsam, geplante Maßnahmen fachlich prüfen zu lassen und frühzeitig mit der Nachbarschaft abzustimmen.
Nur gemeinsam kann Hochwasserschutz gelingen
Hauseigentümer und Hauseigentümerinnen alleine sind aufgeschmissen, wenn sich seine Vorkehrungen vor Überflutung nicht einreihen in den übergeordneten Schutz. Die Kommune vor Ort und die weiteren Verwaltungsebenen müssen ebenfalls ihre Hausaufgaben gemacht haben. Regenrückhaltebecken, Deiche, Retentions- und Auenflächen, ausreichend dimensionierte Kanalisation sowie regelmäßige Wartung und Reinigung greifen mit dem individuellen Schutz der einzelnen Grundstücke und Gebäude ineinander. So, wie Sie ihr eigenes Hab und Gut schützen, dürfen und sollen Sie das auch von der öffentlichen Hand einfordern!
