Prüfkriterien
So werden Bauteile auf ihre Starkregenschutzwirkung hin überprüft
In Deutschland gibt es keine allgemeingültigen, verbindlichen Vorgaben zum Starkregenschutz, die über die allgemeinen Technischen Baubestimmungen sowie die gesetzlichen Regelungen hinaus gehen. Das hat Gründe: Politik und Gesellschaft scheuen sich, neue Bauvorschriften zu erlassen. Denn in Zeiten des Wohnraummangels und stetig steigender Immobilien- und Mietpreise soll Bauen nicht noch bürokratischer und teurer werden. Trotzdem tut sich hier was: Die Naturkatastrophen der vergangenen Jahre haben viele Menschen für Gebäudeprävention vor den Auswirkungen von Starkregen und Hochwasser sensibilisiert. Die Nachfrage der Bauherrschaft nach zertifizierten Bauteilen steigt, auch wenn es keine Pflicht zu deren Verwendung gibt. Daher entwickeln Forschungsinstitute, Prüflabore und die Bauwirtschaft aktuell einige neue Verfahren, nach denen Bauteile nachweisbar auf ihre Schutzwirkung hin untersucht werden können.

Hochwasser- vs Starkregenschutz
Die nachfolgend dargestellte VdS-Richtlinie 3855 adressiert primär den mobilen Hochwasserschutz, beispielsweise in Form temporärer Barrieren, Spundwände oder Dammbalkensysteme. Diese Maßnahmen bieten grundsätzlich auch einen Schutz gegen oberflächlich abfließendes Starkregenwasser.
Deutlich kürzere Vorwarnzeit bei Starkregen
In der praktischen Anwendung ist jedoch zu berücksichtigen, dass bei Hochwasserereignissen in der Regel eine deutlich längere Vorwarnzeit zur Verfügung steht als bei Starkregen- und Sturzflutereignissen, die häufig sehr kurzfristig und lokal auftreten. Für Gebäude in starkregen- bzw. sturzflutgefährdeten Lagen ist daher kritisch zu hinterfragen, ob mobile Schutzsysteme im Ereignisfall rechtzeitig installiert werden können.
Manuelle Montage kostet Zeit
Mobile Spundwände und Schotts setzen eine manuelle Montage voraus. Bei akutem Starkregen reicht das Zeitfenster zwischen Warnung und Überflutung häufig nicht aus, um diese Systeme ordnungsgemäß in Betrieb zu nehmen. Aus planerischer Sicht sind in solchen Fällen fest installierte, permanente Schutzmaßnahmen vorzuziehen.
Besser: dauerhafte Bauteile gegen Starkregen
Für den baulichen Objektschutz gegen Starkregen bieten dauerhaft integrierte Bauteile eine höhere Funktionssicherheit. Entsprechende Systeme werden beispielsweise durch das ift Rosenheim gemäß Richtlinie FE-07/3 (siehe unten) geprüft und zertifiziert und eignen sich insbesondere für Standorte mit hohem Starkregenrisiko.
Wer ist der VdS?
Die Abkürzung VdS geht historisch auf den Verband der Sachversicherer zurück und wird heute als Markenname verwendet. Die VdS Schadenverhütung GmbH ist eine 100-prozentige Tochter des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) und eines der führenden europäischen Institute für Schadenverhütung, Sicherheits- und Risikobewertung. Der VdS ist durch die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) für Prüfungen und Zertifizierungen nach DIN-, EN- und ISO-Normen akkreditiert. VdS-Richtlinien sind in vielen Fachdisziplinen anerkannt und dienen nicht selten als Grundlage für normativ oder vertraglich verbindliche Anforderungen, auch im Bauwesen. Die Prüfungen erfolgen durch den VdS selbst; VdS-Prüfzeichen werden ausschließlich durch den VdS vergeben.
Worum geht es in der Richtlinie?
Die VdS-Richtlinie 3855 definiert Anforderungen, Leistungskriterien und Prüfverfahren für Hochwasserschutzsysteme im Objektschutz. Sie richtet sich primär an Hersteller, Prüfinstitute sowie planende und beratende Fachdisziplinen, ist jedoch auch für Bauherren und Betreiber relevant, um die Leistungsfähigkeit von Schutzsystemen objektiv bewerten zu können.
Welche Systeme werden betrachtet?
Gegenstand der Richtlinie sind mechanische Hochwasserschutzsysteme, u. a.:
- Schutzplatten und Dammbalkensysteme
- mobile Sperrsysteme
- hochwasserdichte Türen, Fenster und vergleichbare Abschlüsse
Unterschieden wird zwischen direktem Objektschutz (baulich am Gebäude angeordnet) und indirektem Objektschutz (vorgelagerte, objektschützende Barrieren). Nicht Gegenstand der Richtlinie sind u. a. Deiche, dauerhaft integrierte Großanlagen, Rückstausicherungen sowie elektrisch oder elektronisch gesteuerte Systeme.
Wie erfolgt die Bewertung?
Die Systeme werden nach definierten Leistungskriterien in drei Klassen (A–C) eingestuft:
- Klasse A: Basisschutz
- Klasse B: mittleres Schutzniveau
- Klasse C: hohes Schutzniveau
Zentrales Bewertungsmerkmal ist die Wasserdurchlässigkeit unter definierten Belastungen. Für Systeme des direkten Objektschutzes gelten dabei deutlich strengere Grenzwerte als für indirekte Schutzsysteme.
Welche Belastungen werden geprüft?
Die Prüfungen erfolgen unter praxisnahen Laborbedingungen und umfassen u. a.:
- hydrostatische Belastung (ruhendes Wasser)
- hydrodynamische Belastung (Strömung)
- Überströmung
- Wellenbeanspruchung
- Anprall durch Treibgut
Dabei dürfen keine standsicherheitsrelevanten Schäden auftreten; die zulässigen Grenzwerte der Wasserdurchlässigkeit sind einzuhalten.
Welche Unterlagen sind erforderlich?
Für die Prüfung sind umfassende technische Unterlagen bereitzustellen, darunter Konstruktions- und Detailzeichnungen, Material- und Stabilitätsnachweise, Angaben zu Einsatzgrenzen und Anstauhöhen, Montage-, Betriebs- und Wartungsanleitungen. Zudem ist eine dauerhafte Produktkennzeichnung (Hersteller, Typ, Leistungsklasse, VdS-Kennzeichen) vorgeschrieben.
Erfolgen praktische Prüfungen?
Ja. Die Richtlinie sieht ausdrücklich reale, physische Prüfungen an Original-Prüfmustern vor. Reine rechnerische Nachweise oder Dokumentenprüfungen sind nicht ausreichend.
Wie laufen die Prüfungen ab?
Das vollständige Hochwasserschutzsystem wird im Prüflabor aufgebaut, inklusive aller Dichtungen, Verbindungen und Verankerungen. Die Beaufschlagung erfolgt mit Wasser auf definiertem Untergrund und unter festgelegten Randbedingungen (Wasserstände, Zeiten, Temperaturen).
Gemessen und dokumentiert werden Wasserdurchtritt, Verformungen oder Schäden sowie Stabilität und Standfestigkeit des Systems. Bei sicherheitsrelevanten Schäden wird die Prüfung abgebrochen; dies gilt als Nichtbestehen.
Bedeutung für Planung und Anwendung
Die VdS-Richtlinie 3855 ermöglicht eine vergleichbare, nachvollziehbare und belastbare Bewertung von Hochwasserschutzsystemen. Für Architekten und Ingenieure stellt die VdS-Klassifizierung eine fundierte Entscheidungsgrundlage zur Auswahl geeigneter Schutzmaßnahmen im Rahmen einer risikobewussten und haftungssicheren Planung dar.
Worum geht es in der Richtlinie?
Die ift-Richtlinie FE-07/3 beschreibt, wie Fenster, Türen, Tore und Rollläden geprüft und bewertet werden, damit sie bei Hochwasser möglichst wenig Wasser ins Gebäude lassen. Ziel ist es, Schäden an Gebäuden und Technik zu begrenzen, wenn Wasser von außen am Gebäude ansteht.
Welche Bauteile sind gemeint?
Die Richtlinie gilt für Gebäudeabschlüsse wie:
- Fenster und Fenstertüren
- Haus- und Kellertüren
- Tore
- Rollläden
Entscheidend ist, dass diese Bauteile stehendem Hochwasser widerstehen. Strömendes Wasser, Wellen oder Anprall durch Treibgut (etwa Baumstämme) werden hier nicht berücksichtigt.
Was bedeutet „hochwasserbeständig“?
Die Richtlinie unterscheidet mehrere Schutzstufen:
- Wasserdicht: Kein Wassereintritt innerhalb von 24 Stunden.
- Wasserundurchlässig (1 l / 24 h): Nur minimaler Wassereintritt, maximal ein Liter in 24 Stunden.
- Wasserundurchlässig (24 l / 24 h): Begrenzter Wassereintritt, maximal 24 Liter in 24 Stunden.
- Hochwasserbeständig: Maximal 240 Liter Wassereintritt in 24 Stunden bei mindestens einem halben Meter Wasserhöhe.
Ein begrenzter Wassereintritt ist also zulässig, solange er beherrschbar bleibt und das Bauteil standfest ist.
Wie wird geprüft?
Die Bauteile werden real im Labor getestet: Ein vollständiges Fenster, eine Tür oder ein Tor wird in eine Wand eingebaut. Anschließend wird von außen Wasser stufenweise bis zu definierten Höhen angestaut. Jeder Wasserstand wirkt bis zu 24 Stunden auf das Bauteil. Dabei wird gemessen, wie viel Wasser eindringt, ob Bauteile brechen, sich verformen oder versagen und ob Beschläge und Verriegelungen funktionsfähig bleiben. Brüche tragender Teile oder ein zu hoher Wassereintritt gelten als Versagen.
Was ist bei Planung und Nutzung wichtig?
- Die Montage ist entscheidend: Auch ein gutes Bauteil versagt bei falschem Einbau.
- Hochwasserschutz kann bedeuten, dass Türen oder Fenster unter Wasserdruck nicht mehr zu öffnen sind – besonders relevant bei Fluchtwegen.
- Bedienungs- und Montageanleitungen müssen klar erklären, wie der Hochwasserschutz hergestellt wird.
Was bringt die Richtlinie für Anwender?
Die Richtlinie schafft vergleichbare, nachvollziehbare Prüfungen. Bauherren, Planer und Versicherer können damit erkennen, bis zu welchem Wasserstand ein Bauteil schützt und wie viel Wasser maximal eindringt.
