Starkregengefahr: Risikobeurteilung bei Bestandsgebäuden

Die Beurteilung der Hochwassergefahr gehört zu den wichtigsten Aufgaben, wenn es um den Werterhalt, die Sicherheit und die Modernisierung von Bestandsgebäuden geht. Der Klimawandel bringt häufiger Starkregen und extreme Wetterlagen mit sich – darum sollte jedes Objekt frühzeitig auf seine Gefährdung hin geprüft werden.

Bauleiter vor einem Einfamilienhaus
© Elementa / Christina Haristes

Praxisnahe Übersicht

Im Folgenden finden Sie eine praxisnahe Übersicht, wie Sie Schritt für Schritt vorgehen können, um die Starkregengefahr eines bestehenden Gebäudes zuverlässig einzuschätzen und eine fachgerechte Beratung durchführen zu können.

Lage und Umgebung prüfen

Zu Beginn steht die gründliche Lageanalyse. Fragen Sie sich: Liegt das Gebäude in einem bekannten Überschwemmungsgebiet oder in der Nähe eines Gewässers wie Fluss, Bach oder See? Befindet sich das Grundstück in einer Senke oder in Hanglage, wo es bei Starkregen gefährdet sein könnte? Bei der Gelände- und Lageanalyse helfen unsere Risikokarten. Einige dieser Karten sind (noch) nicht öffentlich zugänglich. Dann helfen die Kartendaten der Wasserwirtschaftsämter, Kommunen und Landesämter.

Der Blick zurück

Gibt es historische Hochwasserstände? Alte Hochwassermarken an Nachbargebäuden oder Brücken können wichtige Hinweise liefern. Holen Sie, wenn möglich, auch Erfahrungsberichte aus der Nachbarschaft ein: Wurden in der Vergangenheit Keller geflutet? Kam es zu Rückstau aus der Kanalisation?

Geländehöhen und Zuflüsse analysieren

Mit einer Geländevermessung (oder digitalen Geländedaten) ermitteln Sie die Höhenlage des Grundstücks im Vergleich zum Pegelstand des nächsten Gewässers. Entscheidend ist der Unterschied zwischen der Geländeoberkante und dem Bemessungshochwasserstand (z. B. HQ100, das statistisch alle 100 Jahre erwartete Hochwasser).

Prüfen Sie auch:

  • Wie verlaufen Oberflächenabflüsse auf dem Grundstück?
  • Gibt es angrenzende Gräben, Entwässerungsleitungen oder Rückhaltebecken?
  • Funktionieren Grundleitungen und Regenwasserableitung zuverlässig oder sind sie veraltet?

Das Gebäude selbst: Bauwerksanalyse

Im nächsten Schritt betrachten Sie das Gebäude im Detail. Achten Sie dabei besonders darauf, ob das Erdgeschoss oberhalb des Bemessungshochwassers liegt. Wie tief liegen Keller- oder Tiefgeschosse? Sind alle erdberührten Bauteile gegen drückendes Wasser abgedichtet (Weiße Wanne, Schwarze Wanne)? Gibt es Schwachstellen, wie Lichtschächte, Kellerfenster oder Außentreppen, über die Wasser eindringen kann? Sind Rückstauklappen oder Hebeanlagen vorhanden, um Kanalrückstau zu verhindern?

Rückstau und Abdichtung sind Schwachstellen bei Altbauten

Gerade bei Altbauten fehlt oft eine ausreichende Abdichtung oder funktionierende Rückstausicherung. Hier besteht Handlungsbedarf. Es lohnt sich, zweimal hinzuschauen, bevor es später womöglich zu einer bösen Überraschung kommt.

Technische Ausstattung kontrollieren

Die technische Infrastruktur ist besonders sensibel: Wo befinden sich Heizkessel, Stromverteiler oder andere haustechnische Anlagen? Häufig stehen sie im Keller und sind bei Überflutung besonders gefährdet. Gibt es Notentwässerungen oder Pumpensümpfe mit funktionierenden Pumpen? Wie wird Regenwasser vom Grundstück abgeleitet? Sind Dachrinnen, Fallrohre und Versickerungsanlagen intakt? Veraltete oder defekte Entwässerungssysteme können ein erhebliches Risiko darstellen – gerade bei Starkregen.

Rechtliche Grundlagen einbeziehen

Prüfen Sie, welche Vorgaben gelten: Liegt das Grundstück in einem förmlich festgesetzten Überschwemmungsgebiet (§ 76 Wasserhaushaltsgesetz)? Gibt es Auflagen zur Nutzung? Teilweise dürfen Kellerräume in Risikogebieten nicht als Aufenthaltsräume genutzt werden. Bestehen Versicherungsauflagen oder Nachweise, die relevant sein könnten? Ein Abgleich mit dem Bebauungsplan, den Landesbauordnungen und dem Wasserhaushaltsgesetz ist hierbei unerlässlich.

Risiken abschätzen und Handlungsempfehlungen geben

Aus den gesammelten Informationen erstellen Sie eine qualifizierte Risikoabschätzung:

  • Wie wahrscheinlich ist ein Starkregen- oder Hochwasserereignis?
  • Wie hoch ist der mögliche Schaden am Gebäude?
  • Welche baulichen, technischen oder organisatorischen Maßnahmen sind erforderlich und wirtschaftlich sinnvoll, um Schäden zu vermeiden oder zu begrenzen?

Mögliche Maßnahmen

Eine mögliche praktische Maßnahme ist das Abdichten der Kelleraußenwände. Rückstauklappen oder Hebeanlagen lassen sich in der Regel mit einem vertretbaren Aufwand installieren. Prüfen Sie, ob der Haupthauseingang angehoben werden kann. Lassen sich außen liegende Kellerzugänge mit Schwellen schützen, sollten bereits in der Planungsphase mobile Hochwassersperren berücksichtigt oder sollte dieser Zugang gar beseitigt werden?

Technische Infrastruktur schützen

Klären Sie mit Ihrem Auftraggeber, ob technische Anlagen – Heizung, elektrische Verteilung, Hauswirtschaftsraum – in höher gelegene Etagen verlegt werden können. Wird weiterhin eine Ölheizung mit entsprechenden Heizöltanks genutzt, sollten die Leitungen und Tanks unbedingt gegen Aufschwimmen und eindringendes Wasser gesichert werden.

Fazit: Vorausschauend planen, Schäden vermeiden

Die Beurteilung der Hochwassergefahr erfordert eine sorgfältige Analyse und technisches Fachwissen. Mit guter Vorbereitung, einer strukturierten Vorgehensweise und einem offenen Gespräch mit der Eigentümerschaft lässt sich sicherstellen, dass Bestandsgebäude auch bei Extremwetterlagen sicher bleiben. Wer Risiken frühzeitig erkennt, kann mit oft überschaubarem Aufwand große Schäden verhindern – und leistet damit einen wertvollen Beitrag für den nachhaltigen Gebäudeschutz.