Neu – aber besser

Build Back Better steht für einen Paradigmenwechsel im Umgang mit Schäden an Gebäuden durch Naturgefahren. Es geht nicht mehr nur darum, beschädigte Bausubstanz zu reparieren – sondern darum, beim Wiederaufbau oder bei der Sanierung gezielt Maßnahmen umzusetzen, die zukünftige Schäden vermeiden oder zumindest wesentlich abmildern. Besonders relevant ist dieses Prinzip im Zusammenhang mit Extremwetterereignissen, wie sie durch den Klimawandel zunehmen – dazu zählt Flusshochwasser in gefährdeten Gebieten.

Bauleiter vor einem Einfamilienhaus
© Elementa / Christina Haristes

Build Back Better: Mehr als Status Quo erhalten

In der Praxis bedeutet das: Wiederaufbau soll nicht bloß den vorherigen Zustand wiederherstellen, sondern besser und robuster gestaltet sein – funktional, materiell und konstruktiv. Für Planerinnen und Planer ist dies eine klare Aufforderung, vorhandene Schwachstellen konsequent zu identifizieren und in tragfähige, standortangepasste Lösungen zu übersetzen (eine Checkliste finden Sie hier). Die Umsetzung erfolgt dabei idealerweise in Kombination mit energetischen und nachhaltigen Sanierungsstrategien (Build Back Greener), sodass ein Mehrwert auf mehreren Ebenen entsteht: baulich, ökologisch, wirtschaftlich.

Ausgangspunkt: Die technische und kontextuelle Schadensanalyse

Jede Maßnahme beginnt mit der fachlich fundierten Schadensanalyse. Hier ist insbesondere die Rolle der Architekten und Architektinnen entscheidend, um Ursachen, Schwachstellen und Potenziale systematisch zu erfassen. Wichtige Fragen sind etwa: Welche baulichen Elemente waren besonders betroffen? Auf welchem Wege drang das Wasser ein? Welche Rolle spielte die Topographie des Grundstücks, die Ausrichtung des Gebäudes, die Gestaltung der Außenanlagen oder die Nachbarbebauung? Einen ersten Hinweis geben unsere Risikokarten.

Baukörper und Haustechnik

Basierend auf der Analyse kann ein individueller Maßnahmenkatalog erstellt werden, der sich an den konkreten Schadensursachen orientiert. Bereits mit geringem baulichem Aufwand lassen sich viele wirksame Schutzmaßnahmen realisieren. Dazu zählen u. a. die Anhebung von Hauseingängen über die zu erwartende Hochwasserhöhe sowie der Einbau von barrierearmen, aber wasserdichten Türschwellen. Idealerweise sollte auf bodentiefe Fenster im Untergeschoss verzichtet werden. Lichtschächte können abgedeckt und abgemauert werden. Bei Außentreppen und Einfahrten wird das Gefälle so optimiert, dass Wasser von den neuralgischen Orten weggeführt wird. Einige hochwassersichere Bauelemente finden Sie in unserem Bauteilregister.

Gebäudetechnik hochwassersicher installieren

Die technische Gebäudeausrüstung ist ein besonders sensibler Bereich: Heizkessel und deren Tanks, Stromverteilungen und Sicherungskästen sollten nicht nur hochwassersicher installiert, sondern auch zugänglich und servicefreundlich positioniert werden – idealerweise außerhalb überflutungsgefährdeter Zonen. Heizöltanks sind gegen Auftrieb zu sichern oder ganz zu vermeiden. Elektrik sollte, sofern möglich, nicht in Sockelnähe untergebracht werden. Wichtig ist auch zu prüfen, ob Rückstauverschlüsse (Klappen, Schleifen mit Hebeanlage) eingebaut werden müssen, um Schäden durch Kanalrückstau zu verhindern, gerade wenn der tiefste Ablaufpunkt unterhalb des Rückstauhorizonts der Kanalisation liegt.

Gebäudenutzung und Grundrissplanung

Bei der Planung von Bestandsumbauten oder Neubauten ist zu prüfen, ob einzelne Gebäudeteile als Überflutungszone bewusst vorgesehen oder konsequent geschützt werden. Wenn ein Keller bei extremem Ereignis kontrolliert geflutet wird, muss er entsprechend vorbereitet sein: keine wertvolle Haustechnik, keine dauerhafte Möblierung, keine Wohnnutzung entsprechend der gesetzlichen Vorgaben. Lagerräume sollten übersichtlich und leeräumbar sein, Materialien wasserresistent.

Integrale Planung verbindet Schutz und Funktionalität

Auch Grundriss und Nutzungseinheiten sollten durchdacht werden: Kann das Wohnen konsequent in höhergelegene Geschosse verlagert werden? Ist ein ebenerdiger Zugang bei hohem Gefährdungspotenzial vertretbar – oder wäre ein zurückgesetzter Eingang mit Treppe oder Rampe die bessere Lösung? Hier ist integrale Planung gefragt, die Schutz, Funktionalität und Nutzerfreundlichkeit verbindet.

Außenräume und Wasserführung

Nicht nur das Gebäude selbst, auch die umgebenden Freiflächen sollten mit Blick auf Überflutungsschutz gestaltet werden. Versiegelte Flächen wie Terrassen, Stellplätze oder Zufahrten können – je nach Gefälle – Wasser gezielt in gefährdete Gebäudeteile lenken. Hier ist eine Planung erforderlich, die Versickerung, Rückhaltung und sichere Ableitung kombiniert.

Entsiegelung schützt zusätzlich

Wichtig sind hier eine Entsiegelung und die Verwendung wasserdurchlässiger Beläge. Es empfiehlt sich ebenfalls eine Modellierung des Gefälles weg vom Gebäude und hin zu Mulden und Rigolen, wo das Wasser versickern kann. Regenwasser kann weiterhin in Zisternen oder Retentionsflächen gespeichert werden, dort steht es für die weitere Nutzung zur Bewässerung oder als Brauchwasser zur Verfügung – ein sehr günstiger ökologischer und ökonomischer Nebeneffekt. Ein lokales Regenwassermanagement schützt zwar nicht direkt vor einer großflächigen Hochwasserwelle. Viele lokale Maßnahmen in dieser Art aber können einen wesentlichen Beitrag leisten, ein großes Flusshochwasser gar nicht erst entstehen zu lassen.

Bäume und Sträucher sind besser als Rasen und Schotter

In diesem Kontext kann die Bepflanzung eine wichtige Funktion übernehmen. Bäume, Sträucher und Stauden mit tiefem Wurzelwerk stabilisieren den Boden, erhöhen die Verdunstungsleistung und können kurzfristig erhebliche Wassermengen aufnehmen. Große Rasenflächen oder gar Schottergärten leisten dagegen kaum einen Beitrag zur Regenwasserrückhaltung und sollten vermieden werden.

Gartengestaltung

Ein vielfältiger Garten mit unterschiedlichen Pflanzen, darunter Stauden, Büsche und Bäume, kann mittelbar dem Hochwasserschutz dienen, da er mehr Wasser aufnehmen und speichern kann als ein großflächig versiegeltes Grundstück oder eine einzige, große Rasenfläche. So schützt er zwar nicht vor bereits ansteigendem Hochwasser, er kann aber als Retentionsfläche einen kleinen Beitrag leisten, Hochwasser erst gar nicht entstehen zu lassen.

Multigefahrenschutz im Auge behalten

Extremwetterereignisse treten selten isoliert auf. Häufig gehen Starkregen, Sturm und Hagelgemeinsam nieder. Daher lohnt es sich, bei der Planung verschiedene Gefahren gleichzeitig mitzudenken. Viele Maßnahmen wirken mehrdimensional, so schützen druckwasserdichte Fenster auch gegen Hagelschlag. Robuste Fassadensysteme mit Stoß- und Schlagschutz schützen gegen Treibgut und Aufpralllasten. Naturschadensichere Materialien finden Sie in unserem Bauteilregister.

Extremwetterschutz und energetische Sanierung kombinieren

Zudem lassen sich Resilienz-Maßnahmen ideal mit energetischen Sanierungszielen kombinieren: Hochgedämmte Gebäudehüllen, moderne Haustechnik, Fenster mit Dreifachverglasung oder dezentrale Lüftungsanlagen bieten nicht nur Komfort und Klimaschutz – sie können auch den Schutz bei Extremereignissen verbessern.

Planerinnen und Planer sind essenziell für kluges Build Back Better

Architektur- und Planungsfachleute übernehmen dabei eine zentrale Rolle – nicht nur als technische Expertise, sondern auch als Beratung, Übersetzung und Vermittlung zwischen Bauherrschaft, Behörden und Versicherern. Wer frühzeitig Risiken benennt und Lösungen anbietet, kann nicht nur Schäden verhindern, sondern Lebensräume schaffen, die auch unter Extrembedingungen funktionieren. Planende, die sich frühzeitig in diesem Themenkomplex fortbilden, haben zudem einen Wettbewerbsvorteil gegenüber Fachkräften ohne entsprechendes Wissen.