Historische Hagelereignisse

Wollen wir klimatische Veränderungen und deren Auswirkungen auf die Häufigkeit und Intensität von Hagelstürmen über längere Zeiträume hinweg untersuchen, müssen wir auf historische Quellen wie Wetteraufzeichnungen, Ernteberichte oder Chroniken zurückgreifen. Berichte über Hagelschlag finden sich bereits in frühgeschichtlichen Aufzeichnungen – beispielsweise im Alten Testament (Exodus 9,23–32, eine der sieben biblischen Plagen: „Der Hagel erschlug in ganz Ägypten alles, was auf dem Feld war – Menschen, Vieh und alle Feldpflanzen – und alle Feldbäume zerbrach er.“). Dies verdeutlicht, dass Hagel seit jeher als gefürchtete Naturkatastrophe wahrgenommen wird.

Chroniken lassen uns Klimabedingungen rekonstruieren

Lokale Chroniken liefern uns wertvolle wissenschaftliche Hinweise, denn sie ermöglichen es, vergangene Klimabedingungen zu rekonstruieren. So können wir beispielsweise untersuchen, ob sich Hagelereignisse in bestimmten Regionen oder Zeiträumen häuften und ob ein Zusammenhang mit klimatischen Phänomenen wie der Kleinen Eiszeit oder großen Vulkanausbrüchen besteht. Zur Unterstützung solcher Analysen stehen heute verschiedene Datenbanken mit Aufzeichnungen über Hagel- und andere Wetterereignisse zur Verfügung, darunter:

Jahresringe von Bäumen könnten Hinweise auf Hagel liefern

Bisher gibt es jenseits historischer Aufzeichnungen wenig alternative Wege, Hagel-Ereignisse in der Vergangenheit nachzuweisen. Da Hagelschlag Beschädigungen an der Rinde eines Baumes hinterlässt, gab es einzelne Versuche, durch die Analyse von Baumringen Hagelschlaghäufigkeiten zu untersuchen, allerdings wurde dieser Ansatz bisher nicht systematisch weiterverfolgt. Hier besteht noch Forschungsbedarf, um die Datenbasis zu erweitern.

Beispiele massiver Hagelschlagereignisse in Deutschland – Entstehung und Auswirkung

Es mag auf dem ersten Blick verwundern, aber sechs der zehn teuersten Hagelereignisse Europas ereigneten sich in Deutschland. Dies ist nicht allein auf die Intensität der Unwetter zurückzuführen, sondern vor allem auf die hohe Bevölkerungsdichte und die damit verbundenen hohen Versicherungswerte in den betroffenen Regionen. Ein Beispiel hierfür ist das Unwetter am 4. Juli 1994 über Köln: Obwohl die Hagelkörner mit einem Durchmesser von etwa fünf Zentimetern nicht außergewöhnlich groß waren, verursachte das Ereignis aufgrund der urbanen Lage und der Vielzahl betroffener Gebäude und Fahrzeuge enorme Schäden.

Die zehn Hagelereignisse mit den höchsten Schadensummen in Europa. Ereignisse, die in Deutschland stattgefunden haben, sind fett markiert.

DatumLandOrtSchaden (in Millionen USD)Maximale Hagelgröße (cm)
27.–28. Juli 2013DeutschlandReutlingen46898
12. Juli 1984DeutschlandMünchen433010
7.–10. Juni 2014Frankreich/BelgienÎle de France230111
28. Mai–2. Juni 2008DeutschlandKrefeld19878
23.–24. Juli 2009Schweiz/ÖsterreichRomont185610
22.–24. Juni 2016NiederlandeSomeren178510
19.–21. Juni 2013DeutschlandLohmar12957
14. Juli 1994DeutschlandKöln10325
29.–24. Juni 2002DeutschlandHochstetten8346
11. Juli 1984FrankreichEpinal7826

Der Hagelsturm von München 1984

Diese Extremereignisse mögen außergewöhnlich sein, zeigen aber beispielhaft, unter welchen Bedingungen wir solchen massiven Hagelschlag bekommen. Der in der Öffentlichkeit wahrscheinlich am stärksten in Erinnerung gebliebene Hagelsturm geschah am 12. Juli 1984 in München. Das Ereignis verursachte den bis dahin größten Schaden für die deutsche Versicherungswirtschaft mit drei Toten (durch Herzinfarkt) und mehr als 300 Verletzten.

Hagelschäden am heutigen Gebäude des Kulturreferats München in der Burgstraße.
Hagelschäden am heutigen Gebäude des Kulturreferats München in der Burgstraße.© Stadtarchiv München, Signatur: DE-1992-FS-ERG-S-0079

Die Klimatologie des Münchener Hagelsturms

Am 11. Juli 1984, dem Vortag des Unwetters, herrschte in Süddeutschland eine schwül-heiße Witterung mit Temperaturen von bis zu 37 Grad Celsius. Im Tagesverlauf näherte sich von Westen eine Kaltfront, die einen Temperatursturz von etwa zehn Grad auslöste. Dadurch bildete sich eine sogenannte Inversionswetterlage: In den unteren Luftschichten bis etwa zwei Kilometern Höhe staute sich kühle Luft, darüber lagerte warme, feuchte Luft. Der Wetterdienst bewertete die Situation zunächst als relativ stabil und gab keine Unwetterwarnung heraus.

Konvektion über der Jungfrau

Doch ab etwa 16 Uhr setzte über den Schweizer Alpen, im Raum zwischen Basel und der Jungfrau, Konvektion ein. Erste, noch schwache Gewitterzellen bildeten sich und reihten sich rasch in einem Band von Südwesten nach Nordnordosten auf. Es entstand ein sogenanntes Multizellen-Gewitter, bei dem einzelne Zellen miteinander interagieren, sich neu bilden und wieder zusammenfallen.

Langlebige Superzelle zieht Richtung München

Gegen 17:35 Uhr nahm die Entwicklung eine entscheidende Wendung: Über dem Bodensee spalteten sich die Gewitterzellen in zwei Richtungen auf. Der schwächere Ast zog weiter in Richtung Nordnordost, während der stärkere Ast mit rund 60 km/h südöstlich auf München zusteuerte. Aus diesem stärkeren Ast entstand eine besonders langlebige Superzelle, die schließlich den schweren Hagelschlag über München brachte.

Die komplett zerstörten Gewächshäuser einer Münchener Gärtnerei.
Die komplett zerstörten Gewächshäuser einer Münchener Gärtnerei.© Stadtarchiv München, Signatur: DE-1992-FS-ERG-S-0077

Bis zu zehn Zentimeter große Hagelkörner

Um 18:15 Uhr meldeten Beobachtungen den ersten Hagel, kurz darauf erreichte er München. Dort tobte der Hagelschlag etwa 20 bis 30 Minuten lang. Die meisten Hagelkörner hatten einen Durchmesser von zwei bis vier Zentimetern, einzelne erreichten jedoch Größen von bis zu neun Zentimetern, manche Quellen berichten sogar von zehn Zentimetern. Einige Körner waren bis zu 300 Gramm schwer. Typisch waren die schichtweise aufgebauten Hagelkörner: ein undurchsichtiger Kern, eine mittlere Schicht aus klarem Eis und eine äußere undurchsichtige Lage. Lokal lag der Hagel bis zu 20 Zentimeter hoch auf dem Boden. Das Unwetter zog auf einer rund 250 Kilometer langen Zugbahn mit einer Breite zwischen acht und 18 Kilometern übers Land.

Windbruch am Münchener Viktualienmarkt nach dem verheerenden Hagelsturm.
Windbruch am Münchener Viktualienmarkt nach dem verheerenden Hagelsturm.© Stadtarchiv München, Signatur: DE-1992-FS-ERG-S-0076

Hagelsturm ist im bayerischen Langzeitgedächtnis fest verankert

Der Hagelsturm von München ist fest im Gedächtnis der Menschen verankert. Selbst 35 Jahre nach dem Unwetter sind die Menschen noch ergriffen von den Ereignissen. So stockt einem betroffenen Mann noch 35 Jahre nach der Sturmnacht die Stimme, als er für eine Reportage des Bayerischen Fernsehens aus dem Jahr 2019 von diesem dramatischen Tag berichtet.

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Mehr Informationen

Der Hagelsturm von Reutlingen 2013

Am 28. Juli 2013 wurde die Stadt Reutlingen in Baden-Württemberg von einem außergewöhnlich heftigen Hagelunwetter getroffen, das in kurzer Zeit massive Schäden anrichtete. Es handelte sich um eines der zerstörerischsten Unwetterereignisse in Süddeutschland seit der Jahrtausendwende.

Eine Fassade in Reutlingen ist nach dem Hagel-Unwetter im August 2013 stark beschädigt.
Eine stark beschädigte Fassade in Reutlingen nach dem schweren Hagel-Unwetter im August 2013.© Fotoagentur Stuttgart, Andreas Rosar

Meteorologischer Hintergrund

Das Unwetter war Teil einer großräumigen Gewitterlage infolge einer feuchtwarmen Luftmasse über Mitteleuropa. Im Zusammenspiel mit einer aufziehenden Kaltfront kam es zur Ausbildung sogenannter Superzellen – besonders starke, rotierende Gewitterzellen, die zu extremen Hagel- und Sturmbildungen führen können.

Stationäre Superzelle über Reutlingen

Im Fall von Reutlingen entwickelte sich eine stationäre Superzelle, die sich über mehrere Stunden kaum bewegte und eine enorme Hagelintensität mit sich brachte. Die Hagelkörner hatten teils Durchmesser von bis zu acht Zentimetern – etwa so groß wie Tennisbälle – und fielen mit hoher Geschwindigkeit vom Himmel. Der massive Hagelschlag ging mit Starkregen, stürmischen Böen und Gewitterblitzen einher.

Sehr kalte Luft in der oberen Atmosphäre

Ein meteorologisches Kennzeichen war, dass die Gewitterwolken extrem hochreichend waren und in oberen Schichten sehr kalte Luftmassen aufwiesen, was die Bildung großer Hagelkörner begünstigte. Außerdem bestand eine hohe Windscherung, die eine langanhaltende, organisierte Struktur der Superzelle ermöglichte.

Viele Dachziegel eines Hauses in Reutlingen sind nach Hagelschlag zerstört.
Vom Hagel zerschlagene Ziegel auf einem Dach in Reutlingen im August 2013.© Fotoagentur Stuttgart, Andreas Rosar

Schäden und Auswirkungen

Der Hagel beschädigte in Reutlingen und Umgebung in kürzester Zeit tausende Gebäude und Fahrzeuge. Die großen Körner zerschlugen Dachziegel, zertrümmerten Fenster, durchlöcherten Fassaden. Der Hagel hinterließ massive Dellen und Glasschäden an Autos – viele wurden als wirtschaftlicher Totalschaden eingestuft. Besonders betroffen war die Innenstadt, wo auch viele historische Gebäude in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Schulen und Kitas blieben vorübergehend geschlossen

Auch Schulen, Kindergärten, Krankenhäuser und Sporthallen mussten notdürftig repariert werden oder blieben vorübergehend geschlossen. In einigen Vierteln kam es zu Wassereinbrüchen durch zerstörte Dächer. Der öffentliche Nahverkehr war gestört, weil Oberleitungen beschädigt wurden und Straßen blockiert waren.

3,6 Milliarden Euro Schaden

Insgesamt wurde der Versicherungsschaden allein in Baden-Württemberg auf rund 3,6 Milliarden Euro geschätzt – etwa die Hälfte davon betraf Reutlingen direkt. Es war damit einer der teuersten Hagelstürme in der Geschichte Deutschlands. Die Versicherer mussten mehr als 200.000 Schäden bearbeiten, davon etwa 70.000 allein im Kraftfahrzeugbereich.

Reutlingen nach dem schweren Hagel-Unwetter mit Millionen-Schaden im August 2013.
Zahlreiche Autos werden vom Hagelsturm in Reutlingen im August 2013 stark beschädigt. © Fotoagentur Stuttgart, Andreas Rosar

Extremes Wetterereignis mit großer Zerstörungskraft

Der Hagelsturm von Reutlingen im Juli 2013 war ein extremes Wetterereignis, das zeigt, wie zerstörerisch langsam ziehende Superzellen mit großem Hagelpotenzial sein können. Die Kombination aus außergewöhnlich großen Hagelkörnern, hoher Intensität und langer Dauer machte dieses Ereignis so verheerend. Es verdeutlicht zudem die Notwendigkeit besserer Frühwarnsysteme, baulicher Vorsorgemaßnahmen und eines effektiven Katastrophenschutzes – besonders im Hinblick auf zunehmend extreme Wetterlagen infolge des Klimawandels.