Asphaltwüste statt Klimaanpassung

Warum Deutschlands Städte bei Hitze und Starkregen handeln müssen

Sommerliche Hitzewellen, aufgeheizte Innenstädte und plötzlich auftretende Starkregenereignisse zeigen immer deutlicher: Der Klimawandel stellt Deutschlands Städte bereits heute vor erhebliche Herausforderungen. Doch vielerorts wächst die versiegelte Fläche weiter. Straßen, Parkplätze, Gebäude, Innenhöfe und Plätze aus Beton, Asphalt oder Pflaster speichern Wärme und lassen Regenwasser kaum noch versickern.

Blick vom Französischen Dom über den Gendarmenmarkt in Berlin
Der Berliner Gendarmenmarkt nach Sanierung und denkmalgerechter Neugestaltung: Trotz unterirdischer Anlagen zur Regenwasserbewirtschaftung bleibt der Platz stark versiegelt; schattenspendende Bäume fehlen weitgehend. Damit steht er exemplarisch für den Zielkonflikt zwischen repräsentativer Platzgestaltung, Denkmalschutz und klimagerechter Stadtentwicklung. Übrigens: Berlin schneidet im Hitze-Check 2026 als fünftbeste Stadt insgesamt vergleichsweise gut ab.© Adobe Stock

Der Hitze-Check 2026 der Deutschen Umwelthilfe (DUH) macht sichtbar, wie groß der Handlungsbedarf ist. Die Untersuchung zeigt, dass viele Städte ihre Bevölkerung bislang nicht ausreichend vor zunehmender Hitze und Starkregen schützen.

Versiegelung fördert Gefahren durch Hitze und Starkregen

Wenn von Naturgefahren die Rede ist, denken viele zuerst an Hochwasser, Stürme oder Starkregen. Diese Ereignisse verursachen häufig große sichtbare Schäden an Gebäuden, Straßen und Infrastruktur. Hitze wirkt dagegen leiser, ist für die menschliche Gesundheit aber besonders gefährlich. Vor allem ältere Menschen, Kinder, Menschen mit Vorerkrankungen und Bewohner stark verdichteter Quartiere sind betroffen.

In Städten verschärft die gebaute Umgebung das Problem. Asphalt, Beton und dunkle Oberflächen heizen sich tagsüber stark auf und geben die gespeicherte Wärme nachts nur langsam wieder ab. So entstehen städtische Hitzeinseln. Fehlen Bäume, Schatten und Verdunstungsflächen, wird der Aufenthalt im öffentlichen Raum an heißen Tagen deutlich belastender.

Gleichzeitig wirken versiegelte Flächen auch bei Starkregen problematisch. Regenwasser kann dort nicht in den Boden eindringen, sondern fließt oberflächlich ab. Bei intensiven Niederschlägen kann das die Kanalisation überlasten und lokale Überflutungen verstärken. Hitzeschutz und Starkregenvorsorge sind deshalb eng miteinander verbunden: Mehr Grün, mehr offene Böden und mehr Rückhalt von Regenwasser helfen in beiden Fällen.

Was der Hitze-Check 2026 untersucht

Die Deutsche Umwelthilfe hat im Hitze-Check 2026 alle deutschen Städte mit mehr als 50.000 Einwohnerinnen und Einwohnern untersucht. Grundlage sind unter anderem Satellitendaten des europäischen Copernicus-Programms. Bewertet werden vor allem der klimawirksame Baumbestand, der Trend der Flächenversiegelung zwischen 2018 und 2025 sowie die Hitzebetroffenheit der Bevölkerung.

Im Mittelpunkt stehen mehrere Kennwerte:

  • Der Beschirmungsgrad zeigt, wie groß der Anteil der Siedlungs- und Verkehrsfläche ist, der durch Vegetation über 2,5 Meter Höhe bedeckt wird. Er gibt damit Hinweise auf Schattenwirkung und thermischen Komfort.
  • Der Versiegelungstrend zeigt, wie sich die versiegelte Fläche zwischen 2018 und 2025 entwickelt hat. Er ist besonders relevant, weil zusätzliche Versiegelung sowohl Hitzebelastung als auch Oberflächenabfluss bei Starkregen verstärken kann.
  • Der Hitzebetroffenheitsindex berücksichtigt unter anderem Oberflächentemperatur, Versiegelung, Grünvolumen und Bevölkerungsdichte. Er zeigt, wie stark Menschen in besiedelten Gebieten von Hitze betroffen sind.
  • Der Baumverlust wird zusätzlich abgeschätzt. Dabei handelt es sich nicht um eine klassische Baumzählung, sondern um eine rechnerische Annäherung auf Basis des Rückgangs der Baumkronenbedeckung.

Die Ergebnisse: viel Versiegelung, zu wenig Entlastung

Das Ergebnis ist ernüchternd: Keine der untersuchten Städte konnte beim Versiegelungstrend eine grüne Bewertung erreichen. Anders gesagt: In allen betrachteten Städten nahm die versiegelte Fläche im Untersuchungszeitraum zu.

Beim Versiegelungstrend schneidet Hamburg mit einem Zuwachs von lediglich 0,07 Prozent vergleichsweise gut ab. Das zeigt, dass eine starke Begrenzung zusätzlicher Versiegelung grundsätzlich möglich ist. Am anderen Ende der Skala steht Euskirchen mit einem Zuwachs von 1,62 Prozent.

Auch beim Baumbestand zeigt sich Handlungsbedarf. Nur wenige Städte erreichen einen Beschirmungsgrad von mindestens 30 Prozent. In der Gesamtbewertung schneiden Kiel und Wuppertal am besten ab. Beide Städte erreichen eine grüne Einstufung. Viele andere Städte, vor allem in stärker aufgeheizten und dicht bebauten Lagen, bleiben deutlich dahinter zurück.

Besonders kritisch ist der Verlust großer, alter Bäume. Sie spenden nicht nur Schatten, sondern kühlen ihre Umgebung durch Verdunstung, verbessern die Aufenthaltsqualität und tragen zur Biodiversität bei. Junge Nachpflanzungen sind wichtig, können die Wirkung alter Baumkronen aber erst nach vielen Jahren oder Jahrzehnten annähernd ersetzen. Deshalb reicht es nicht, gefällte Bäume lediglich zahlenmäßig zu ersetzen. Entscheidend ist, ob die klimatische Wirkung tatsächlich erhalten bleibt.

Bei der Betrachtung all dieser Faktoren ist die Belastung durch Hitze in Kombination mit unzureichendem Hitzeschutz in vielen Städten Süddeutschlands (Schlusslicht: Offenburg) am stärksten – hier ist Umdenken erforderlich, da der Klimawandel hier noch für zusätzlichen Anpassungsdruck sorgen wird.

Hier gibt es die gesamte Städteliste als pdf

Anreize statt zusätzlicher Hürden

Städte, Eigentümer, Planer und Bauherren brauchen Rahmenbedingungen, die klimaangepasstes Bauen und Sanieren einfacher und wirtschaftlich attraktiver machen. Wer entsiegelt, Bäume erhält, Regenwasser vor Ort zurückhält oder Gebäude begrünt, sollte davon konkret profitieren können.

Dazu gehören zielgerichtete Förderprogramme, einfache Beratungsangebote, praxistaugliche Planungshilfen und transparente Daten zu Hitze- und Starkregenrisiken. Auch Gebührenmodelle können Anreize setzen, etwa wenn Grundstücke mit geringerer Versiegelung und besserem Regenwasserrückhalt bei Niederschlagswassergebühren entlastet werden. Ebenso wichtig sind gute Beispiele aus der kommunalen Praxis, die zeigen, wie Entsiegelung, Begrünung und bauliche Entwicklung zusammen funktionieren können.

Entscheidend ist, dass Klimaanpassung nicht als Gegensatz zu Wohnungsbau, Mobilität oder wirtschaftlicher Entwicklung verstanden wird. Eine gute Stadtplanung verbindet diese Ziele. Sie fragt nicht nur, wo gebaut werden kann, sondern auch, wie gebaut werden muss, damit Quartiere trotz Hitze, Trockenheit und Starkregen lebenswert bleiben.

Klimaanpassung rechnet sich

Mehr Stadtgrün und weniger Versiegelung können langfristig erhebliche Kosten vermeiden. Beim Hitzeschutz senken Bäume, Grünflächen und verschattete öffentliche Räume die Temperaturbelastung. Das schützt die Gesundheit, verbessert die Aufenthaltsqualität und kann den Kühlbedarf in Gebäuden verringern. Nüchtern betrachtet erhöht sich dadurch auch die Produktivität der Mitarbeiter.

Beim Starkregenschutz helfen unversiegelte Flächen, Mulden, begrünte Dächer, Retentionsräume und wasserdurchlässige Oberflächen dabei, Regenwasser vor Ort zurückzuhalten. Dadurch sinkt das Risiko lokaler Überflutungen. Gleichzeitig kann Wasser gespeichert und für Stadtgrün nutzbar gemacht werden, statt es möglichst schnell aus der Stadt abzuleiten.

Klimaanpassung ist damit auch wirtschaftliche Vorsorge. Jeder vermiedene Schaden an Gebäuden, Straßen, Kellern oder technischer Infrastruktur entlastet Eigentümer, Kommunen und Versicherer. Gleichzeitig steigt die Lebensqualität in den Quartieren.

Fazit: Die klimaangepasste Stadt braucht Wissen, Anreize und Umsetzungskraft

Der Hitze-Check 2026 zeigt weit verbreiteten Nachholbedarf in der Hitze- und Starkregenvorsorge auf. Diese Daten sollten nun in konkrete Maßnahmen übersetzt werden: mehr Schatten auf stark aufgeheizten Plätzen, Entsiegelung von Parkflächen, Schulhöfen und Innenhöfen, wasserdurchlässige Beläge und mehr Regenwasserrückhalt vor Ort. Entscheidend sind dabei nicht zusätzliche pauschale Vorgaben, die Bau- und Infrastrukturprojekte weiter erschweren, sondern bessere Anreize, praxistaugliches Know-how und ein stärkeres Problembewusstsein in der Planung. Wer Flächen entsiegelt, Bäume erhält oder Regenwasser auf dem Grundstück zurückhält, sollte davon finanziell und organisatorisch profitieren. So wird Klimaanpassung nicht zum Hemmnis, sondern zum selbstverständlichen Qualitätsmerkmal guter Stadtentwicklung.


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