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Bauen in Überflutungsgebieten – Warum?

Neubauten in Überschwemmungsgebieten: Ein Interessenkonflikt im System

Trotz bekannter Hochwassergefahren wird in Überschwemmungsgebieten nicht weniger, sondern eher mehr gebaut. Ausgerechnet Flächen, die im Ernstfall Wasser aufnehmen und Schäden mindern sollen, geraten unter dem Druck des Wohnraummangels zunehmend als Bauland in den Fokus. Gerade vor dem Hintergrund des Klimawandels und der damit einhergehenden Gefahr häufigerer und stärkerer Hochwasser begeben sich somit viele Gemeinden in ein absehbares Dilemma, das (wenn überhaupt) nur durch erhebliche Investitionen in den Hochwasserschutz abgefedert werden kann.

Ein Deich schützt das dahinterliegende Land vor Überflutung - sei es an der Küste oder entlang großer Flüsse.
Deiche sind mitunter die einzige Möglichkeit, Wohngebiete in (einstigen) Überschwemmungsbereichen zu schützen.© Pixabay

Der Druck: Wohnraum zu wenig, Bauland knapp

Deutschland kämpft seit Jahren mit einer strukturellen Wohnungsknappheit. Gerade in Ballungsräumen wie München, Frankfurt oder Hamburg ist geeignetes Bauland rar und entsprechend teuer. Flusstäler und Auen bieten sich als flaches, günstig zu erschließendes Gelände als Bauland an, oft in siedlungsgeschichtlich gewachsenen Lagen.

Dieser ökonomische Druck führt dazu, dass Ausnahmegenehmigungen nach § 78 Wasserhaushaltsgesetz (WHG), die Neubauten in festgesetzten Überschwemmungsgebieten eigentlich verbieten sollen, in der Praxis großzügig erteilt werden. Allein in Bayern wurden zwischen 2020 und 2025 mehr als 3.500 Baugenehmigungen in Überschwemmungsgebieten ausgestellt (Sueddeutsche Zeitung).

Das Ergebnis: Neubauten mit absehbaren Hochwasser-Problemen

Bundesweit entstanden zwischen den Jahren 2000-2023 rund 2,7 Millionen neue Wohngebäude, davon über 32.000 in Überschwemmungsgebieten. Der Anteil der Neubauten in Risikolagen stieg von einem Prozent im Jahr 2000 auf 1,4 Prozent 2021 – dem bislang höchsten Wert seit Jahrzehnten. Insgesamt liegen heute (Stand 2024) rund 270.000 bis 338.000 Wohngebäude in hochgefährdeten Zonen. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Überschwemmungsgebieten wuchs von 2010 bis 2024 um rund 5.800 Hektar (+7,2 Prozent) (Quelle: GDV). Mithilfe privater und öffentlicher Prävention kann sicherlich auch in solchen Gebieten hochwasser- und flutsicher gebaut werden. Gleichzeitig nimmt die dortige Bebauung wichtige Ausweichflächen weg und erhöht so das Risiko schwerer Schäden stromabwärts.

Was dabei verloren geht: Retentionsflächen und Auenböden

Genau hier liegt das strukturelle Dilemma: Jedes neue Gebäude in der Aue verdrängt Retentionsraum, den der Fluss bei Hochwasser benötigt. Zwei Drittel der deutschen Flussauen stehen laut des jüngsten Auenzustandsberichtes von 2021 bei Hochwasser nicht mehr als Überflutungsfläche zur Verfügung – durch Flussbegradigungen, Deichbau und eben die fortschreitende Bebauung. An Großflüssen wie Rhein, Elbe, Oder und Donau gingen mehr als 80 Prozent der historischen Auenflächen verloren. Nur noch neun Prozent der deutschen Flussauen gelten heute als weitgehend intakt (BFN).

Hinzu kommt ein oft übersehener Aspekt: Auenböden gehören zu den fruchtbarsten Böden Deutschlands. Sie entstanden über Jahrtausende durch die Ablagerung mineralreicher Feinsedimente aus den Einzugsgebieten der Flüsse – die sogenannten Auenlehme. Wird diese Fläche überbaut und versiegelt, geht nicht nur Hochwasserretentionsraum verloren, sondern auch landwirtschaftliches Potenzial, das nicht ersetzt werden kann. Gleichzeitig werden jeden Tag in Deutschland umgerechnet mehr als 50 Fußballfelder Natur versiegelt – vieles davon in ökologisch sensiblen Niederungen (Bodenwelten)

Die Kosten des Widerspruchs

Dieser Interessenkonflikt ist letztlich nicht kostenneutral: Allein 2024 entstanden versicherte Hochwasserschäden von 2,6 Milliarden Euro – rund eine Milliarde mehr als im langjährigen Durchschnitt. Wer in der Flussaue baut oder das Bauen dort genehmigt, schiebt die Kosten des Risikos also langfristig auf die Allgemeinheit – und unterminiert gleichzeitig die Renaturierungsmaßnahmen, die das Hochwasserrisiko für alle flussabwärts liegenden Gemeinden mindern würden. Gerade die Ahrtalflut sollte uns lehren, auch alte und angestammte Siedlungsplätze zu überdenken.


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