Forschung – Superzellen in Europa

Superzellen-Gewitter in Europa: Aktuelle Bedrohung und zukünftige Entwicklung

Superzellen sind die gefährlichsten Formen von Gewittern. Charakteristisch ist ein rotierender Aufwind im Inneren, der sogenannte Mesozyklon. Diese Rotation ermöglicht extrem große Hagelkörner, große Regenmengen, Orkanböen und sogar Tornados. Während aus den USA lange und einheitliche Beobachtungsreihen vorliegen, fehlten in Europa bislang zusammenhängende Daten über große Gebiete hinweg. Genau diese Lücke schließt nun eine neue Studie von Feldmann und Koautoren im Fachjournal Science Advances.

Das zentrale Ergebnis: Superzellen treten in Europa deutlich häufiger auf als bisher angenommen – und mit dem Klimawandel wird ihre Zahl in vielen Regionen spürbar steigen.

Superzelle über Deutschland
Superzelle über Deutschland© pixabay

Hochauflösende Simulationen bringen erstmals ein vollständiges Bild

Für die Studie wurden Europa-weite Klimasimulationen mit sehr hoher Auflösung (2,2 km Gitterweite) über einen Zeitraum von elf Jahren durchgeführt. Dieser Detailgrad ermöglicht es, Superzellen realistisch zu erfassen – etwas, das in groben Klimamodellen nicht möglich ist.

Ein entscheidender Qualitätscheck fand in der Schweiz statt: Der Vergleich der Simulationen mit Radardaten zeigte nahezu perfekte Übereinstimmung bei großen und langlebigen Superzellen. Kleinere Systeme fallen buchstäblich durch das Raster, dennoch bilden die Simulationen nach Ansicht der Autoren die reale Verteilung und Häufigkeit sehr zuverlässig ab.

Warum entstehen Superzellen besonders oft in Gebirgsnähe?

Die Auswertungen zeigen deutliche Hotspots an Gebirgen – etwa an den Alpen, den Pyrenäen oder dem Massif Central. Der Grund liegt in der Wirkung von Topografie auf die Atmosphäre. An Gebirgshängen wird Luft gehoben und beschleunigt während Täler den Wind kanalisieren, und so die Windscherung und Rotation begünstigen. Außerdem sammeln sich feuchte Luftmassen in Tälern und an Gebirgsrändern, was wiederum eine höhere Gewitterneigung hervorruft. Häufig finden sich Regionen die günstig für Gewitterbildung und damit dem Auftreten von Superzellen sind in der windabgewandten (Lee) Seite von Gebirgen. Dies erklärt, warum sich in Deutschland z. B. der Hagel-Hotspot der Schwäbischen Alb im Lee des Schwarzwaldes bildet.

Eine um 3 °C wärmere Welt: Was ändert sich in Europa?

Um zu untersuchen, wie der Klimawandel die Superzellenhäufigkeit beeinflusst, wurde eine zweite Simulation durchgeführt – identisch zur ersten, aber mit einer simulierten globalen Erwärmung von +3 °C. In diesem Szenario gab es 11 % mehr Superzellen europaweit, allerdings regional deutlich unterschiedlich verteilt. Deutschland hat dabei eine Zunahme von 36% verzeichnet, besonders im süddeutschen Raum. Norddeutschland dagegen zeigt eher eine Abnahme von Superzellengewittern, genauso wie Spanien und der Südwesten Frankreichs.

Warum nehmen Superzellen in Deutschland zu?

Generell kann wärmere Luft mehr Feuchtigkeit aufnehmen. Wenn die Feuchtigkeit beim Aufstieg in kältere Höhen zu Tröpfchen kondensiert, wird Wärme frei – das ist der umgekehrte Effekt wie beim Schwitzen, wo wir durch die Verdunstung von Wassertröpfchen abkühlen. Diese freigewordene Wärme fördert den weiteren Aufstieg der Luftmasse, so dass sich sehr rasch imposante Gewitterwolken bilden können. Allerdings gibt es häufig eine Art atmosphärischen „Deckel“, der den Aufstieg der warmen und feuchten Luft blockiert. So ein Deckel kann in Deutschland etwa warme und trockene Luft aus dem Süden sein. Es könnte also sein, dass zwar viel Energie zur Verfügung steht, aber sich wegen dieses Deckels kein Gewitter bildet. Es brauch dann einen weiteren Impuls, um ein Gewitter zu initiieren: das kann starke Erwärmung durch Sonnenstrahlen sein oder eine atmosphärische Front die den Deckel „abhebt“. Wenn der Deckel einmal durchbrochen ist, ist es so wie bei einem Kochtopf: je länger der Deckel auf die aufstrebende Schicht blockiert hat, desto heftiger ist dann das Gewitter.

Die Modelldaten zeigen, dass zumindest für den Süden Deutschlands sowohl der atmosphärische Deckel nur schwach zunimmt, dafür aber die Faktoren, die ein Gewitter initiieren häufiger werden. In der Summe bilden sich also mehr heftigere Gewitter.

Mehr Superzellen = mehr Hagel?

Man könnte erwarten, dass ein Anstieg der Superzellenanzahl mehr lokale Hagelschäden bedeutet – das ist aber nicht notwendigerweise so.

Zwar steigt die Intensität vieler Begleiterscheinungen – etwa Regenraten oder maximale Hagelgröße in der Wolke. Doch gleichzeitig verschiebt sich durch die Erwärmung die Zone der Hagelbildung in höhere Luftschichten. Hagelkörner haben dadurch mehr Zeit zum Schmelzen, bevor sie den Boden erreichen.

Eine neue Studie (Kahraman et al., 2025) deutet daher sogar auf abnehmende Hagelereignisse am Boden in Deutschland hin – trotz steigender Superzellenhäufigkeit. Da Superzellen aber auch Starkregen und Tornados mit sich bringen, werden dafür die Risiken durch diese Naturgefahren steigen.

Hier können Sie die Studie im Original herunterladen:


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