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Forschung – Weniger Hagelschäden durch den Klimawandel?

Weniger Hagel dank Klimawandel?

Bei aller Schwierigkeit, Hagelereignisse vorherzusagen, zeigten bisherige Klimamodelle eine Tendenz zu mehr zerstörerischen Hagelereignissen über Deutschland. Eine neue Studie mit aktuellen Klimamodellen kommt überraschenderweise zu dem gegenteiligen Schluss – es wird weniger Hageln, auch die Anzahl der Ereignisse mit großen Hagelkörnern wird abnehmen.

Große Hagelkörner liegen nach einem Unwetter in Göppingen auf der Straße.
Große Hagelkörner liegen nach einem Unwetter in Göppingen auf der Straße.© Fotoservice Stuttgart, Andreas Rosar

Hagelvorhersage ist ein schwieriges Geschäft

Die genaue Vorhersage, wie sich das Risiko für schwere Hagelstürme, insbesondere solche mit Großhagel (Hagelkörner über 2 cm Durchmesser), unter den Bedingungen der globalen Klimaerwärmung entwickeln wird, stellt die Forschung vor eine erhebliche Herausforderung. Dies liegt primär daran, dass die Entstehung von Hagel in eng begrenzten Gewitterzellen wurzelt – Prozesse, die traditionelle, großräumige Klimamodelle nur schwer simulieren können. Um belastbare Aussagen über zukünftige Schäden durch Hagelstürme zu treffen, ist eine Abbildung der atmosphärischen Bedingungen in einem Maßstab von wenigen Kilometern notwendig

Gegenläufige Prozesse bei der Hagelbildung

Die Hagelbildung selbst ist ein hochkomplexer Vorgang, der das Zusammentreffen mehrerer spezifischer Faktoren erfordert: Es bedarf starker Aufwinde (wie sie in sogenannten Superzellen vorkommen), um die Hagelkörner lange genug in der eisigen Höhe zu halten, damit sie durch die Anlagerung von Wassertröpfchen wachsen können. Gleichzeitig muss eine ausreichende Luftfeuchtigkeit vorhanden sein, und die Null-Grad-Grenze (die Höhe, ab der Temperaturen über dem Gefrierpunkt liegen) darf nicht zu weit vom Boden entfernt sein, da die Hagelkörner auf dem Weg nach unten sonst vollständig schmelzen. Bisherige Studien gingen mehrheitlich davon aus, dass die Erderwärmung zu stärkeren Gewittern führt, die zwar die Null-Grad-Grenze anheben, aber gleichzeitig größere, widerstandsfähigere Hagelkörner produzieren, was das Risiko für Deutschland erhöhen würde.

Neue, bessere (?) Aussichten

Eine neue Studie von Kahraman und Coautoren (2025) kommt zu einem gegenteiligen Schluss. Die Autoren setzten ein hochauflösendes, Klimamodell ein, das die Konvektion in Gewitterzellen detaillierter simulieren kann. Untersucht wurde ein Hoch-Emissions-Szenario (RCP 8.5) mit rund +5 °C globaler Erwärmung bis 2100. Das überraschende Ergebnis: Sowohl die Anzahl hagelträchtiger Gewitterzellen als auch die Häufigkeit von Großhagel (> 2 cm) nehmen bis Ende des Jahrhunderts in weiten Teilen Europas deutlich ab. Laut der Simulation könnten in Deutschland und Zentraleuropa potenziell gefährliche Hagelstürme bis zur Mitte des Jahrhunderts etwa halb so häufig auftreten wie heute – und bis 2100 sogar nur noch einen Bruchteil (vielleicht ein Sechstel) der heutigen Häufigkeit erreichen. Die neue Prognose widerspricht damit deutlich früheren Abschätzungen, die eine Zunahme der Hagelgefahr erwarteten.

Warum weniger Hagel?

Die Studie führt mehrere Gründe an, warum trotz stärkerer Erwärmung weniger großer Hagel entsteht. Zum einen bilden sich Hagelkörner in einer wärmeren Atmosphäre generell in größerer Höhe; dort oben sind die Aufwinde schwächer, was die Wachstumszeit der Körner verkürzt. Zudem steigt die Null-Grad-Grenze an, sodass Hagel auf dem Weg nach unten länger schmilzt. Ein weiterer Faktor ist die veränderte großräumige Windsituation: Die vertikalen Windunterschiede (Scherung) nehmen ab, wodurch Gewitter weniger gut organisiert sind. Diese Kombination – schwächere Aufwinde, mehr Schmelze und geringere Sturmorganisation – führt insgesamt zu einem Rückgang des Hagelpotenzials über Mitteleuropa.

Fazit und Ausblick

Die Beziehung zwischen Klimawandel und schweren Gewittern (wie Hagelstürmen) erweist sich als komplexer als früher angenommen. Hochauflösende Modelle liefern teils deutlich andere Ergebnisse als ältere Studien. Wichtig ist aber auch: Es handelt sich um Ergebnisse eines einzelnen Klimamodells und Szenarios. Dargestellt wird auch nur das Potential eines Gewitters, Hagel zu produzieren, der am Boden ankommt. Hagelkörner selbst kann auch das fortschrittlichste Modell zurzeit nicht simulieren. Zu bedenken ist auch, dass es – sofern sich die Prognosen bewahrheiten – weniger Hagel in Deutschland geben würde, die intensiveren Gewitter dank ihrer erhöhten Feuchtigkeitsmenge aber mehr Starkregen mit sich bringen. Mit unter Umständen noch gravierenden Folgen! Künftige Studien sollten verstärkt Gewitterprozesse im Detail betrachten – etwa verschiedene Sturmtypen, Aufwind-Dynamiken und Schmelzprozesse – und noch höher auflösende Modelle (< 1 km Raster) nutzen. Nur so lässt sich klären, ob sich die hier gefundenen Trends auch in anderen Modellsimulationen bestätigen.


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