Schritt für Schritt zum starkregensicheren Haus
Die Zunahme extremer Starkregenereignisse macht eine systematische bauliche Vorsorge zwingend erforderlich. Im Neubau wie im Bestand sind Maßnahmen zur Starkregenvorsorge heute integraler Bestandteil einer zukunftsfähigen Gebäudeplanung. Sie steigern die bauliche Resilienz, vermeiden langfristig Schäden, senken Versicherungsprämien und ermöglichen in Kombination mit energieeffizienter Bauweise zusätzliche Synergieeffekte.

Risikoanalyse
Jede Maßnahme beginnt mit einer belastbaren Risikoanalyse. Neben amtlichen Starkregen-Gefahrenkarten sind insbesondere die örtliche Topographie, die Höhenlage im Gelände, bestehende Gefälleverhältnisse sowie die Einbindung in die Entwässerungsinfrastruktur zu berücksichtigen. Hanglagen, Tiefpunkte, der Einzugsbereich angrenzender versiegelter Flächen und Rückstaurisiken aus der Kanalisation spielen eine zentrale Rolle. In bestimmten Risikogebieten ist die Berücksichtigung des Hochwasserschutzes darüber hinaus baurechtlich erforderlich oder verpflichtend.
Bestandsprüfung
Im Bestand ist zunächst zu prüfen, inwieweit vorhandene Bauteile bereits widerstandsfähig gegenüber eindringendem Oberflächenwasser sind. Besondere Aufmerksamkeit verdienen dabei außenliegende Kellereingänge, Lichtschächte, Fenster, Türen, Garageneinfahrten sowie alle unter Straßenniveau liegenden Räume. Auch die Abdichtung von Hausanschlüssen und die Verlegung der Versorgungsleitungen müssen im Hinblick auf Druckwasserdichtigkeit falls möglich geprüft werden. Bei einer Sanierung empfiehlt sich eine Überprüfung des Rückstauhorizonts und die Bewertung des möglichen Wassereintritts über Abwasserleitungen oder unzureichend geschützte Öffnungen. Hier sind Kanalpläne sehr hilfreich.
Planung für Nachrüstung bzw. zielgerichtete Neuplanung
Ein vollständiger baulicher Überflutungsschutz ist im Bestand nicht immer wirtschaftlich umsetzbar. In diesen Fällen kann ein phasenweiser Ausbau sinnvoll sein, der sich am Gefährdungspotenzial und an den verfügbaren Ressourcen orientiert. Die Nachrüstung druckwasserdichter Fenster- und Türsysteme, die Erhöhung von Aufkantungen an Lichtschächten oder der Einbau einer Rückstausicherung (im Bestand sehr aufwändig) sind technisch etabliert und vielfach erprobt. Auch kleinere bauliche Eingriffe wie die Errichtung von Schwellen an Garagenzufahrten oder die Modifizierung von Außentreppen können die Überflutungsgefahr deutlich reduzieren.
Risikobewertung steht am Planungsanfang
Für Neubauten gilt: Die Risikobewertung muss am Anfang jeder Planung stehen. Liegt das Grundstück ganz oder teilweise in einem potenziellen Überflutungsgebiet oder sind Fließwege bei Starkregen zu erwarten, ist bereits in der Vorplanung eine hochwasserangepasste Bauweise zu berücksichtigen. In Gebieten mit regelmäßig hohem Grundwasserstand oder zu erwartendem Wasserdruck empfiehlt sich der Bau eines vollständig abgedichteten Untergeschosses als Weiße Wanne. Diese ist gemäß DIN 18533 bzw. DIN 18195 gegen aufstauendes Sicker- oder Hochwasser auszulegen.
Im Zweifel: Ohne Keller planen
Idealerweise sollte aber in einem gefährdeten Gebiet auf einen Keller verzichtet werden. Unkonventionelle Lösungen können eine beabsichtige, regelmäßige Flutung des Erdgeschosses beinhalten bis hin zum kontrollierten Aufschwimmen des gesamten Gebäudekörpers. Auf trockenen Standorten kann alternativ eine Schwarze Wanne eingesetzt werden, bei der die Abdichtung durch mehrlagige bituminöse Außenabdichtungen mit Gewebe-Einlage auf verputztem Mauerwerk erfolgt.
Sicherung des Hauses vor eindringendem Wasser
Hauszugänge sind besondere Schwachstellen und müssen je nach Geländesituation so ausgeführt werden, dass Oberflächenwasser nicht eindringen kann. Tiefliegende Eingänge, außenliegende Kellertreppen und ebenerdige Terrassenöffnungen benötigen entweder eine ausreichende Geländeanhebung, Schwellen oberhalb der berechneten Überflutungshöhe oder den Einsatz druckwasserdichter Bauteile. Lichtschächte sind mit erhöhtem Mauerwerk zu versehen oder druckwasserdicht auszuführen.
Türschwelle ist relevant für Versicherungen
In der Planung ist besonders zu beachten, dass die Türschwelle versicherungsrechtlich relevant ist: Nur wenn Wasser oberirdisch über die Schwelle in das Gebäude eindringt, greift in der Regel die Elementarschadenversicherung. Schäden durch aufsteigendes Grundwasser oder unsachgemäß abgedichtete Leitungseinführungen sind hingegen nicht abgedeckt.
Mehr zu dieser Thematik lesen Sie im Ratgeber für Bauherrschaften und Hausbesitzer/innen.
Druckwasserdichte Wand- und Bodenplattendurchführungen
Auch die technischen Hausanschlüsse bedürfen besonderer Aufmerksamkeit. Kabel- oder Rohrdurchführungen müssen dauerhaft druckwasserdicht sein. Silikon oder einfache Dichtmanschetten reichen hierfür nicht aus. Zugelassene Mehrsparten-Hauseinführungen oder nachrüstbare Pressdichtungen bieten dauerhaften Schutz und sind inzwischen als Standardprodukte verfügbar.
Regen- und Schmutzwasser ableiten
Ein zentraler Aspekt jeder Planung ist zudem die Ableitung von Schmutz- und Niederschlagswasser. Ungeschützte Abwasserleitungen stellen im Rückstaufall ein erhebliches Risiko dar. Die geeignete Lösung hängt dabei von der Gebäudenutzung ab. Rückstauklappen sind eine einfache Möglichkeit zur Nachrüstung, jedoch mechanisch anfällig und wartungsintensiv. Elektronische Rückstauverschlüsse bieten höhere Betriebssicherheit, sind jedoch kostenintensiver.
Sicherheit dank Rückstauschleife
Die sicherste Methode stellt eine Rückstauschleife mit Hebeanlage dar. Dabei wird das Abwasser oberhalb der Rückstauebene – in der Regel die Straßenoberkante – in den Kanal eingeleitet. Unterhalb der Rückstauebene liegende Abläufe werden über eine Hebeanlage geführt. Diese Lösung ist besonders für Neubauten geeignet, da sie sich während der Bauphase einfach in das Entwässerungskonzept integrieren lässt und nur geringen turnusmäßigen Wartungsaufwand erfordert.
Freiflächengestaltung
Auch bei der Freiflächengestaltung kann ein erheblicher Beitrag zum Überflutungsschutz geleistet werden. Alle befestigten Flächen sollten mit einem leichten Gefälle vom Gebäude weg geplant werden. Oberflächenwasser darf keinesfalls gezielt in Richtung des Baukörpers gelenkt werden. Bei Hanglagen ist darauf zu achten, dass am Hangfuß Rückhalteelemente wie Mulden, Entwässerungsrinnen oder offene Gräben vorgesehen werden. Auf ebenen Grundstücken sind Versickerungsmulden, unterirdische Retentionsräume oder Zisternen geeignete Instrumente zur temporären Regenwasserrückhaltung. Dabei ist zu beachten, dass das gezielte Ableiten von Wasser auf Nachbargrundstücke – etwa zur „Entlastung“ – unzulässig ist und dem Wasserhaushaltsgesetz widerspricht.
Temporäre Schutzmaßnahmen
Neben baulichen Maßnahmen können temporäre Schutzsysteme eingesetzt werden, etwa mobile Hochwasserschotts, Dammbalkensysteme oder Sandsäcke. Deren Wirksamkeit hängt jedoch maßgeblich von rechtzeitiger Installation und logistischer Vorbereitung ab. Für besonders exponierte Gebäude empfiehlt sich daher die Kombination aus dauerhaften baulichen Schutzmaßnahmen und einem ergänzenden Notfallkonzept. Auch organisatorische Maßnahmen wie ein definiertes Alarm- und Handlungsprotokoll, regelmäßige Übungen und Materialvorhaltung sind Teil eines umfassenden Schutzkonzepts.
Fazit
Wer Starkregen- und Hochwasserschutz frühzeitig in die Planung integriert, steigert nicht nur die Widerstandsfähigkeit der Immobilie, sondern reduziert auch das Risiko langfristiger Folgekosten und Nutzungsausfälle. Der Investitionsmehraufwand wird spätestens im ersten Schadensfall aufgewogen – nicht nur finanziell, sondern auch durch den Zugewinn an Sicherheit und Planungsqualität. Nicht zuletzt verschaffen sich Planungs- und Architekturbüros mit entsprechender Expertise einen womöglich entscheidenden Wettbewerbsvorteil in einer sich durch die Klimaveränderung wandelnden Branche.
