10 Handlungsempfehlungen für Kommunen

So machen Sie Ihre Kommune starkregensicher
Elementa empfiehlt Kommunen zehn gezielte Schritte, um ihre Kommune besser gegen Starkregen zu schützen. Die genannten Punkte basieren im Wesentlichen auf Empfehlungen der „LAWA-Strategie für ein effektives Starkregenrisikomanagement“ und den Resultaten des Projektes ExTrass („Stärkung der Integration von Klimaanpassung an Hitze und Starkregen in die kommunale Planung„).
1. Gefahrenkarten und Gefährdungsanalysen erstellen
1. Gefahrenkarten und Gefährdungsanalysen erstellen
Um effektive Maßnahmen ergreifen zu können, muss eine Kommune zunächst wissen, wo das Wasser fließt und sich sammelt. Da Starkregenereignisse schwer vorhersagbar sind, ihre potenziellen Auswirkungen (Fließwege, Senken) aber modelliert werden können, ist eine detaillierte Gefährdungsanalyse mittels hydraulischer Simulation (Starkregengefahrenkarte) die zwingende Basis für alle weiteren planerischen und baulichen Entscheidungen. Kritische Örtlichkeiten anhand der Karten entschärft werden. Zudem lassen sich kritische Infrastrukturen und vulnerable Einrichtungen (etwa Kitas, Altenheime und Krankenhäuser) proaktiv schützen.
Aufgabe der Kommune: Beauftragung und Erstellung lokaler Starkregengefahrenkarten (hydraulische Analyse); Identifikation von Hotspots und kritischen Infrastrukturen;
Nutzen für die Kommune: Gezielter Einsatz begrenzter finanzieller Mittel an den wirkungsvollsten Stellen; Erhöhung der Planungssicherheit; Basis für die Risikokommunikation gegenüber Bürgerinnen und Bürgern.
2. Krisenmanagement und die Alarmplanung spezifisch für Sturzfluten anpassen
2. Krisenmanagement und die Alarmplanung spezifisch für Sturzfluten anpassen
Da bei Starkregen die Vorwarnzeiten extrem kurz sind (oft nur Minuten), greifen klassische Hochwasseralarmpläne oft zu spät. Die kommunale Alarm- und Einsatzplanung muss daher spezifisch auf Sturzfluten ausgerichtet werden. Dazu gehört die Definition von maßnahmenauslösenden Indikatoren (z. B. Pegel kleiner Gewässer, lokale Regenmesser) und die Vorbereitung von Entscheidungsprozessen, damit im Ernstfall keine Zeit verloren geht.
Aufgabe der Kommune: Überarbeitung der Feuerwehr- und Einsatzpläne für Szenarien mit extrem kurzer Vorwarnzeit; Durchführung von Übungen; Festlegung klarer Zuständigkeiten und Kommunikationsketten.
Nutzen für die Kommune: Schnellere Reaktionsfähigkeit der Einsatzkräfte; Reduktion von Personenschäden; effizientere Koordination im Chaos eines Ereignisses
3. Die Eingriffsregelung stärken
3. Die Eingriffsregelung stärken
Die zunehmende Flächenversiegelung verstärkt die Auswirkungen von Starkregen deutlich, da sie Sturzfluten begünstigt und natürliche Wasserrückhaltefunktionen zerstört. Zwar existieren Vorgaben zur Kompensation neu versiegelter Flächen, doch deren Wirksamkeit ist begrenzt: Die naturschutzrechtliche Eingriffsregelung kann höchstens den Status quo sichern, aber den Anteil unversiegelter Flächen nicht erhöhen.
Mit der Bundeskompensationsverordnung (BKompV) liegt bereits ein praxistaugliches Regelwerk vor, das sich auf Länder und Kommunen übertragen lässt. Es wird empfohlen, dieses Regelwerk auch kommunal verbindlich anzuwenden. Zudem sollte § 13a BauGB angepasst werden, um die Freistellung von der Eingriffsregelung bei Bebauungsplänen der Innenentwicklung zu begrenzen und ökologisch wertvolle Flächen besser zu schützen.
Aufgabe der Kommune: Keine Anwendung des § 13b BauGB; Übernahme und ggf. Anpassung der Regelungen aus der BKompV auf Landesebene erwirken
Nutzen für die Kommune: Erhalt eines rechtssicheren, fachlich fundierten und erprobten Methodengerüstes
4. Rückbau und Entsiegelung von Straßenräumen erleichtern
4. Rückbau und Entsiegelung von Straßenräumen erleichtern
Entsiegelungsmaßnahmen im urbanen Raum sind eine wirksame flächenhafte Klimaanpassungsstrategie, da sie das Versickerungsvermögen der Böden wiederherstellen oder deutlich erhöhen. Die Entsiegelung lässt sich beispielsweise durch versickerungsfähige Beläge in Kombination mit angepasstem Straßenbegleitgrün umsetzen. So entstehen nicht nur funktionsfähige Retentionsräume, sondern auch klimaaktive, attraktivere Stadträume.
Ein kommunales Entsiegelungskonzept hilft dabei, Entsiegelungsmaßnahmen strategisch und effizient voranzubringen. Dafür sollten Flächenpotenziale im urbanen Innenraum systematisch erfasst, bewertet und priorisiert werden, um eine fundierte und zielgerichtete Grundlage für die Konzeptentwicklung zu schaffen.
Aufgabe der Kommune: Erfassung von Entsiegelungspotentialen und Aufstellung von Entsiegelungskonzepten
Nutzen für die Kommune: Attraktivere Straßengestaltung; Raum für Grün- und Freiflächen; Entlastung der Kanalisation durch versickerungsfähige Beläge
5. PKW-Stellplatzpflichten lockern oder abschaffen
5. PKW-Stellplatzpflichten lockern oder abschaffen
Starre Stellplatzpflichten für PKW, insbesondere im Wohnungsbau, behindern eine klimawirksame Stadtplanung. Würden die Stellplatzpflichten gelockert, entstünden erhebliche Flächenpotenziale für Klimaanpassungsmaßnahmen, etwa für Grün- und Freiflächen bei Neubauten oder Entsiegelungsprojekte in der städtebaulichen Sanierung.
Daher sollten die rechtlichen Rahmenbedingungen in den Landesbauordnungen deutlich flexibler gestaltet werden, um Stellplatzreduktionen aus Umweltgründen zu ermöglichen. Kommunen sollten im Rahmen der jeweiligen Landesbauordnung ihre örtlichen Bauvorschriften entsprechend anpassen und erweitern.
Aufgabe der Kommune: Prüfung und Vollzug der geltenden Vorschriften im Rahmen von (kommunalen) Baugenehmigungs-und Bauordnungsverfahren; Erlass und Änderung von kommunalen Stellplatzsatzungen
Nutzen für die Kommune: Verbessertes Mikroklima durch weniger Bodenversiegelung; attraktivere Straßengestaltung; Raum für Grün- und Freiflächen
6. Multifunktionale Räume stärken und priorisieren
6. Multifunktionale Räume stärken und priorisieren
Monofunktional genutzte Flächen sollten in multifunktionale Räume umgewandelt werden, die sowohl eine hohe Aufenthaltsqualität bieten als auch zentrale Klimaanpassungsfunktionen übernehmen – etwa Verschattung, Verdunstung, Kühlung oder Überflutungsmanagement.
In vielen Kommunen gestaltet sich die Planung und Unterhaltung solcher Räume jedoch schwierig. Verantwortlichkeiten, personelle und finanzielle Ressourcen sind häufig streng nach Fachgebieten getrennt. Diese Strukturen erschweren ein interdisziplinäres, bereichsübergreifendes Arbeiten, das für multifunktionale Flächen essenziell wäre.
Daher muss die Multifunktionalität von Flächen grundsätzlich besser ermöglicht, stärker priorisiert und klar geregelt werden. Gut strukturierte Verwaltungsprozesse und digitale Werkzeuge können diese Entwicklung entscheidend unterstützen. Kommunen sollten ihre Verwaltung so organisieren, dass die multifunktionale Gestaltung und Nutzung von Flächen klar definiert, effizient gemanagt und fachlich breit abgestimmt ist. Dazu gehören festgelegte Koordinationsverfahren, bei Bedarf auch zusätzliche Stellen, sowie klar formulierte Zuständigkeiten und Hierarchien.
Aufgabe der Kommune: Umstrukturierung verwaltungsinterner Koordinierungsabläufe
Nutzen für die Kommune: Möglichkeit der anteiligen Verantwortung von Verwaltungsbereichen; klar und effizient geregelte verwaltungsinterne Koordinierung
7. Die Funktionstüchtigkeit von Fließwegen turnusmäßig überprüfen
7. Die Funktionstüchtigkeit von Fließwegen turnusmäßig überprüfen
Ein häufiger Grund für schwere Schäden bei Starkregen sind Verklausungen an Brücken, Durchlässen und Einläufen. Die regelmäßige Kontrolle und Reinigung von Gewässern, Gräben und Straßeneinläufen ist eine der effektivsten Sofortmaßnahmen. Wasser muss ungehindert in die vorgesehenen Rückhalteräume oder Kanäle fließen können.
Aufgabe der Kommune: Regelmäßige Kontrollintervalle an kritischen Einläufen und Durchlässen (insb. vor angekündigten Unwettern); Installation von Rechen oder Treibgutfängen; Sensibilisierung von Bauhöfen und Forstwirten, gerade in bergigem Gelände.
Nutzen für die Kommune: Sofortige Risikoreduktion ohne bauliche Investitionen; Vermeidung von unnötigen Überflutungen durch verstopfte Abflüsse; Erhalt der Leistungsfähigkeit bestehender Systeme.
8. Oberirdische Notwasserwege einrichten
8. Oberirdische Notwasserwege einrichten
Die Kanalisation ist bei Starkregen systembedingt schnell überlastet. Wichtig ist daher eine effektive oberirdische Ableitung von Wasser bei Starkregen. Das bedeutet, dass Straßen und Freiflächen gezielt so gestaltet werden müssen, dass sie im Extremfall als temporäre Wasserwege dienen, ohne dass Wasser in angrenzende Gebäude eindringt. Dies erfordert ein Umdenken im Straßenbau (z. B. Hochborde als Lenkungselemente, gezielte Neigungen), damit das Wasser kontrolliert in unkritische Bereiche (z. B. Parks, Rückhaltebecken) geleitet wird.
Aufgabe der Kommune: Identifikation potenzieller Fließwege im Straßennetz; Anpassung von Straßenprofilen und Bordsteinhöhen bei Sanierungen; Schaffung von Notentlastungsstellen aus der Kanalisation in unkritische Freiflächen.
Nutzen für die Kommune: Vermeidung von vollgelaufenen Kellern und Gebäudeschäden durch gezielte Lenkung des Wassers; kostengünstiger als Kanalausbau; Erhöhung der Sicherheit bei Extremereignissen.
9. Belange der Klimaanpassung und des Denkmalschutzes stärker in Einklang bringen
9. Belange der Klimaanpassung und des Denkmalschutzes stärker in Einklang bringen
Denkmalschutzauflagen erschweren in vielen Stadtbereichen die Umsetzung von Klimaanpassungsmaßnahmen und verhindern sie teilweise vollständig. Für die Starkregenprävention betrifft das nicht nur Maßnahmen an Baudenkmälern selbst, sondern vor allem Eingriffe in deren Umgebung. Häufig blockieren Auflagen etwa das Anlegen urbaner Retentionsflächen, obwohl diese für den Schutz vor Starkregen notwendig wären.
Um solche Zielkonflikte zu lösen, müssen Klimaanpassung und Denkmalschutz enger zusammenarbeiten. Eine zentrale Rolle spielen dabei die unteren Denkmalschutzbehörden, da sie über denkmalpflegerische Erlaubnisse entscheiden. Leitfäden, die praxisnah aufzeigen, wie Klimaanpassung an und im Umfeld von Denkmälern berücksichtigt werden kann, bieten wichtige Orientierung – Vorbilder bestehen aus der energetischen Sanierung.
Zudem sollten die Mitarbeitenden der Denkmalschutzbehörden stärker für die Klimarisiken sensibilisiert werden. Denn Baudenkmäler sind selbst erheblich bedroht, und Klimaanpassungsmaßnahmen dienen letztlich auch ihrem langfristigen Erhalt.
Aufgabe der Kommune: Austausch und Kooperation zwischen für Klimaanpassung zuständige Stellen und den unteren Denkmalschutzbehörden intensivieren; Erteilung denkmalpflegerischer Erlaubnisse unter Berücksichtigung von Belangen der Klimaanpassung und des Denkmalschutzes vereinfachen
Nutzen für eine Kommune: Mikroklimatische Effekte, Schutz der Baudenkmäler und Stadtstruktur
10. Die Motivation und Förderung der Retentionskapazitäten auf Privatgrundstücken verstärken
10. Die Motivation und Förderung der Retentionskapazitäten auf Privatgrundstücken verstärken
Jenseits gesetzlicher Vorgaben ist es entscheidend, private und gewerbliche Bauherrschaften aktiv davon zu überzeugen, dass grüne Gärten, Mulden-Rigolen-Systeme und andere Retentionsmaßnahmen wirksame Bausteine der Starkregenprävention sind. Sie erhöhen die Klimaresilienz von Grundstücken und Gebäuden, entlasten die Kanalisation und reduzieren das Risiko von Sturzfluten, mit spürbaren Vorteilen für die Allgemeinheit.
Noch immer ist vielen Bauherrschaften die Gefahr durch Starkregen jedoch nicht ausreichend bewusst, und die Bereitschaft, freiwillig in Schutzmaßnahmen zu investieren, bleibt begrenzt. Deshalb braucht es kontinuierliche, leicht zugängliche und zielgruppengerechte Aufklärung und Beratungsangebote über Risiken und geeignete Maßnahmen. Kommunen können dies etwa durch regelmäßige Informationsveranstaltungen, ihren Webauftritt, Gefahrenkarten, Flyer oder Social-Media-Kampagnen leisten.
Ebenso wichtig ist es, partizipative Formate zu entwickeln, die die Bevölkerung frühzeitig einbinden und das Verständnis für notwendige Anpassungen stärken. Vorbildprojekte auf privatem Grund spielen dabei eine Schlüsselfunktion: Sie demonstrieren die praktische Umsetzbarkeit, schaffen Vertrauen und sollten gut sichtbar kommuniziert werden, um weitere Bauherrscaften zur Nachahmung zu motivieren.
Aufgabe der Kommune: Implementierung eines Kommunikationskonzeptes zur Erhöhung des Anteils von Resilienz-steigernden Maßnahmen privater und gewerblicher Grundstücksbesitzerinnen und -besitzen; falls möglich monetäre Anreize gewähren.
Nutzen für die Kommune: Erhöhte Akzeptanz von baulichen und organisatorischen Maßnahmen, effektiverer Klimaanpassung
Hier finden Sie eine Übersicht über detaillierte Leitfäden zum Starkregenmanagement für Kommunen
Quellen:
Albrecht, J., Eckersley, P., Haupt, W., Huber, B., Irmisch, J., Lipp, T., Miechielsen, M., Sterzel, T. (2022): Stärkung der Integration von Klimaanpassung an Hitze und Starkregen in die kommunale Planung. Zwölf Handlungsempfehlungen aus dem Dialog mit kommunalen Planer:innen im Projekt ExTrass. Urbane Resilienz gegenüber extremen Wettereignissen – Typologien und Transfer von Anpassungsstrategien in kleinen Großstädten und Mittelstädten. Berlin: adelphi research gGmbH. [PDF]
LAWA (2024): LAWA-Strategie für ein effektives Starkregenrisikomanagement Bund/Länder-Arbeitsgemeinschaft Wasser (LAWA). [PDF]
