Schon im Frühjahr deutete sich an, dass sich im Pazifik 2026 ein ungewöhnlich starker El Niño entwickeln könnte. Darüber haben wir bereits in unserem Beitrag „2026: Ein Super-El-Niño-Jahr?“ berichtet. Inzwischen ist aus dieser Möglichkeit Gewissheit geworden: Die Wassertemperaturen im tropischen Pazifik steigen stark an und die aktuellen Klimamodelle erwarten übereinstimmend, dass wir Ende 2026 einen extrem starken El Niño erwarten können (Abbildung unten). Welche Folgen sind für uns zu erwarten und hat das etwas mit dem Klimawandel zu tun?

El Niño und La Niña – zwei Kehrseiten einer Medaille
El Niño und La Niña gehören zu einer natürlichen Klimaschwankung im tropischen Pazifik. Unter normalen Bedingungen treiben beständige Winde warmes Oberflächenwasser in Richtung Indonesien. Vor der Westküste Südamerikas steigt dagegen kühleres Wasser aus der Tiefe auf. Dadurch ist der westliche tropische Pazifik normalerweise deutlich wärmer als der östliche.
Während eines El Niño verändert sich dieses Muster. Ungewöhnlich warmes Wasser breitet sich weit nach Osten aus. Besonders vor der Küste Mittel- und Südamerikas steigen die Wassertemperaturen deutlich an. Dadurch verändert sich auch die Verteilung von Regen und Trockenheit über große Teile der Tropen.
Bei La Niña wird der normale Zustand dagegen verstärkt: Im östlichen Pazifik wird das Oberflächenwasser besonders kühl, während sich im Westen noch mehr warmes Wasser sammelt. El Niño und La Niña wechseln sich in unregelmäßigen Abständen von einigen Jahren ab.
Besonders starke El-Niño-Ereignisse gab es beispielsweise 1997/98, 2015/16 und 2023/24. Der El Niño von 2026/27 wird mit einiger Wahrscheinlichkeit sogar noch stärker als die bisherigen Rekordhalter.

Welche Folgen hat ein starker El Nino für uns?
Die deutlichsten Auswirkungen von El Niño treten in den Tropen und in den angrenzenden Regionen auf. In manchen Regionen steigt das Risiko für Starkregen und Überschwemmungen, in anderen für Dürren.
Für Deutschland und Mitteleuropa ist der Zusammenhang deutlich weniger direkt. Unser Wetter wird vor allem durch das Geschehen über dem Nordatlantik bestimmt. El Niño kann zwar auch die großräumigen Luftströmungen beeinflussen, doch seine Auswirkungen auf das Wetter in Europa sind wesentlich schwieriger vorherzusagen. Ein besonders starker El Niño bedeutet deshalb nicht automatisch, dass uns ein außergewöhnlich warmer, trockener oder nasser Winter bevorsteht. Einige Studien deuten beispielsweise darauf hin, dass bestimmte El-Niño-Konstellationen Trockenheit in Teilen Europas begünstigen könnten. Solche Zusammenhänge sind jedoch mit großen Unsicherheiten verbunden. Vergleichbar extreme Ereignisse sind in den modernen Klimaaufzeichnungen selten.
Eine Folge ist dagegen sehr wahrscheinlich: Durch die starke Erwärmung des tropischen Pazifiks wird auch die globale Durchschnittstemperatur vorübergehend zusätzlich erhöht. El-Niño-Jahre gehören deshalb häufig zu den besonders warmen Jahren im globalen Temperaturverlauf.
Welche Rolle spielt die globale Erwärmung?
Eine wichtige Frage ist, ob die globale Erwärmung starke El-Niño-Ereignisse künftig noch extremer machen könnte. Wenn das der Fall ist, könnte ein „Super-El Niño“ wie 2026 irgendwann weniger außergewöhnlich werden.
Aufschluss darüber können neben Klimamodellen auch natürliche Klimaarchive liefern. Eine neue Studie eines Forschungsteams um Julia Cole von der University of Michigan untersucht beispielsweise die Entwicklung von El Niño mithilfe von Korallen. Steinkorallen bilden Jahr für Jahr neue Schichten aus Kalk – ähnlich wie Bäume Jahresringe bilden. Die chemische Zusammensetzung dieses Kalks enthält Informationen darüber, wie warm das Meerwasser zum Zeitpunkt des Wachstums war.
Das Forscherteam untersuchten Korallen von den Galápagos-Inseln. Sie liegen genau in jenem Bereich des östlichen Pazifiks, der sich während eines El Niño besonders stark erwärmt. Mithilfe der Korallen konnten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die natürlichen Temperaturschwankungen über viele Jahrhunderte zurückverfolgen.
Das Ergebnis ist bemerkenswert: In den vergangenen Jahrzehnten sind die Temperaturschwankungen im östlichen tropischen Pazifik deutlich größer geworden als während großer Teile der vergangenen Jahrhunderte. Das deutet darauf hin, dass sich die El-Niño- und La-Niña-Schwankungen zunehmend von ihrem natürlichen Hintergrund entfernen.
Damit liefert die Studie einen weiteren Hinweis darauf, dass die globale Erwärmung das El-Niño-System bereits beeinflussen könnte.

Bedeutet Wärmer = stärkerer El Niño?
Ganz so einfach ist der Zusammenhang allerdings nicht. Man kann nicht sagen: Je wärmer die Erde wird, desto stärker werden automatisch die Schwankungen zwischen El Niño und La Niña.
Das zeigt auch ein Blick weiter zurück in die Erdgeschichte. Besonders interessant ist das Pliozän vor etwa 5,3 bis 2,6 Millionen Jahren. Damals war die Erde im Durchschnitt wärmer als heute, und die Eismassen waren deutlich kleiner. In vieler Hinsicht liefert diese Zeit deshalb Hinweise darauf, wie Teile des Klimasystems in einer wärmeren Zukunft reagieren könnten.
Im Pliozän war der östliche tropische Pazifik im Durchschnitt wärmer als heute. Dadurch war der Temperaturunterschied zwischen dem warmen westlichen und dem kühleren östlichen Pazifik geringer. Früher wurde deshalb teilweise angenommen, dass im Pliozän eine Art dauerhafter El-Niño-Zustand geherrscht haben könnte. Von dieser einfachen Vorstellung ist die Forschung inzwischen weitgehend abgerückt. Auch damals gab es Schwankungen zwischen unterschiedlichen Zuständen des tropischen Pazifiks.
Der Vergleich zeigt jedoch, dass sich das Klimasystem bei einer deutlichen Erwärmung grundsätzlich verändern kann. Bestehende Muster müssen nicht einfach nur stärker oder schwächer werden. Das gesamte Gleichgewicht zwischen Atmosphäre und Ozean kann sich verschieben.
Wann erreicht das Klimasystem ein neues Gleichgewicht?
Genau darin liegt eine der großen offenen Fragen der Klimaforschung. Klimasysteme wie El Niño und La Niña reagieren nicht zwangsläufig gleichmäßig auf steigende Temperaturen. Ab einem bestimmten Punkt können sich grundlegende Bedingungen verändern und das System kann ein neues Gleichgewicht einnehmen.
Wo solche Schwellen liegen und wie sich das Klimasystem danach verhält, ist bislang nur teilweise verstanden. Der außergewöhnlich starke El Niño 2026 ist deshalb nicht nur wegen seiner möglichen Folgen interessant. Er bietet auch eine Gelegenheit zu beobachten, wie eines der wichtigsten natürlichen Klimasysteme der Erde unter den heutigen, bereits deutlich wärmeren Bedingungen reagiert.
Ob solche extremen El-Niño-Ereignisse tatsächlich zur neuen Normalität einer wärmeren Welt werden, wissen wir noch nicht. Die Hinweise darauf, dass sich das System verändert, werden jedoch stärker. Es bleibt also auf eine beunruhigende Art spannend.



