Forschung – Jenseits der Vorstellungskraft

Imagine! – Wie die Grenzen der Vorstellungskraft uns daran hindern Naturgefahren korrekt wahrzunehmen

Viele Menschen ergreifen trotz amtlicher Warnungen keine Schutzmaßnahmen vor drohenden Naturgefahren. Eine Studie von 2024 zeigt, dass ein überraschend einfacher Grund entscheidend sein kann: Vielen von uns fehlt schlicht das Vorstellungsvermögen, um amtliche Warnungen in eigenes Handeln zu übersetzen.

Überflutung von Schlottwitz durch die Müglitz, einem Nebenfluss der Elbe, während des Jahrhunderthochwassers 2002.
Überflutung von Schlottwitz durch die Müglitz, einem Nebenfluss der Elbe, während des Jahrhunderthochwassers 2002.© Hawedi, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16072624

Welche Rolle spielt die Vorstellungskraft bei der Prävention von Extremereignissen?

Joy Ommer von der Universität Reading (Großbritannien) und Co-Autoren stützen ihre Studie auf Befragungen von Menschen, die von der Ahrtal-Flutkatastrophe 2021 betroffen waren. Ziel des Projekts war es, die Rolle der Vorstellungskraft in der Katastrophenvorsorge zu untersuchen – ein Begriff, der in den Medien häufig auftaucht („eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes“), aber wissenschaftlich bislang kaum im Kontext von Katastrophen erforscht wurde. Unter „Vorstellungskraft“ verstehen die Autoren dabei die Fähigkeit, sich ein Szenario, mögliche Handlungen und deren emotionalen Folgen gedanklich auszumalen.

Gefährliches „Nichtwissen“

Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass viele Menschen ein schweres Hochwasser kaum gedanklich erfassen konnten und gerade deshalb keine Vorsorgemaßnahmen ergriffen. Dieses Vorstellungsvermögen scheiterte vor allem an einem grundlegenden „Nichtwissen“: Ereignisse, die sie noch nie erlebt hatten, wie die Wucht und Geschwindigkeit von Flutwasser oder das mögliche Ausmaß einer Überschwemmung, konnten sich die Befragten schlicht nicht vorstellen. Frühere Erfahrungen halfen zwar teilweise, führten aber auch zu einer gedanklichen Barriere: Viele konnten sich alles, was über das bisher Erlebte hinausging, nicht vorstellen.

Vorstellungskraft und Risikowahrnehmung

Vorstellungskraft ist eng mit der Risikowahrnehmung verknüpft, die sowohl auf Faktenwissen als auch auf inneren Bildern beruht. Fehlt das Vorstellungsvermögen für ein Extremereignis, sinkt automatisch die Risikowahrnehmung. Die Studie zeigt, dass hierfür oft eine Wissensbasis notwendig ist: Warnungen mit konkreten Angaben – etwa „200 Millimeter Regen in 24 Stunden“ – lösen keine gedanklichen Bilder aus, wenn Menschen diese Werte nicht einordnen können.

Weitere Hürden für die Vorstellungskraft entsprechen bekannten Mustern der Risikowahrnehmung. So waren manche Befragte fest überzeugt, an einem Ort zu leben, an dem eine Überflutung „nicht möglich“ sei. Zudem spielt Wunschdenken eine große Rolle: Einige wollten schlicht nicht glauben, dass eine Überschwemmung eintreten könnte, selbst wenn klare Hinweise darauf vorlagen.

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist der enge Zusammenhang zwischen fehlender Vorstellungskraft und mangelnder Vorsorge. Personen mit früheren Fluterfahrungen trafen zwar eher Vorkehrungen, diese orientierten sich jedoch fast ausschließlich an dem Ausmaß früherer Ereignisse – eine schwerere Flut konnten sie sich nicht vorstellen.

Wie können wir der Vorstellung auf die Sprünge helfen?

Die Untersuchung macht deutlich, dass vielen Menschen die Vorstellungskraft für unbekannte Extremereignisse fehlt. Wettervorhersagen und Warnungen müssen daher aktiv Bilder im Kopf erzeugen, damit Menschen Risiken erkennen und handeln. Visuelle Mittel wie Fotos, Videos und digitale Tools wie Virtual und Augmented Reality können helfen, die Dimensionen einer bevorstehenden Flut nachvollziehbar zu machen. Besonders wirksam sind ortsnahe Motive, etwa Bilder aus dem eigenen Wohnort oder von vertrauten Objekten wie einem Auto, das fortgeschwemmt wird. Interessanterweise haben die vielen schockierenden Bilder, die man in den Medien von Flutkatastrophen aus aller Welt sieht, keine vergleichbare Wirkung.

Fazit

Langfristig sollte die Vorstellungskraft der Bevölkerung gezielt gestärkt werden, etwa durch Storytelling, Zukunftsszenarien oder multimediale Formate. Auch lokal entwickelte „Climate Storylines“ können dabei helfen, Risiken, vergangene Fluterfahrungen und mögliche Schutzmaßnahmen anschaulich darzustellen. Insgesamt zeigt die Studie, dass die Förderung der Vorstellungskraft großes Potenzial bietet, Warnungen wirksamer zu machen, Vorsorgeverhalten zu stärken und damit künftig Leben zu schützen.

Hier können Sie die Studie im Original herunterladen:


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