Prüfkriterien
So werden Bauteile aktuell auf ihre Starkregenschutzwirkung hin überprüft
In Deutschland gibt es kein stringentes, einheitliches Verfahren, Bauteile auf ihre Starkregenschutzwirkung hin zu untersuchen. In jüngster Zeit aber tut sich hier was: Die Naturkatastrophen der vergangenen Jahre haben viele Menschen für Gebäudeprävention vor den Auswirkungen von Starkregen und Hochwasser sensibilisiert. Gleichzeitig scheuen sich Politik und Gesellschaft, neue Bauvorschriften zu erlassen. Denn in Zeiten des Wohnraummangels und stetig steigender Immobilien- und Mietpreise soll Bauen nicht noch bürokratischer und teurer werden. Die Nachfrage nach zertifizierten Bauteilen aber steigt, auch wenn es keine Pflicht zu deren Verwendung gibt. Daher entwickeln Forschungsinstitute, Prüflabore und die Bauwirtschaft aktuell einige neue Verfahren, nach denen Bauteile nachweisbar auf ihre Schutzwirkung hin untersucht werden können.
Hochwasser- ist nicht gleich Starkregenschutz
Die unten beschriebene VdS-Richtlinie ist gedacht für mobilen Hochwasserschutz, also temporäre Barrieren, Spundwände und ähnliches. Diese mobilen Maßnahmen schützen im Grunde auch vor oberflächlich ablaufenden Starkregen. Die Vorwarnzeit bei Hochwasser ist in der Praxis aber deutlich länger als bei Starkregen. Bewohner von besonders starkregen- und sturzflut-gefährdeten Regionen sollten daher beim Gebäudeschutz eher zum permanenten Bauteil greifen. Denn mobile Spundwände und Schotts müssen installiert werden. Bei akutem Starkregen kann die Zeit zwischen Vorwarnung und Überflutung nicht ausreichen, diese Barrieren zu installieren. Hier sind fest installierte, permanente Schutzmaßnahmen sinnvoller, wie sie das ift Rosenheim mit seiner Richtlinie FE-07/3 zertifiziert.

Wer ist der VdS?
VdS stand für Verband der Sachversicherer. Heute nutzt die VdS Schadenverhütung GmbH nur noch die Abkürzung. Die 100-prozentige Tochter des Gesamtverbands der Versicherungswirtschaft (GDV) ist europas größtes Institut für Unternehmenssicherheit. Die VdS ist von der Deutschen Akkreditierungsstelle (DAkkS) für verschiedene Prüfungen und Zertifizierungen nach DIN, ISO und EN-Normen akkreditiert. VdS-Richtlinien sind allgemein akzeptiert und nicht selten Grundlage für rechtsverbindliche Normen. Der VdS prüft selbst und vergibt als alleinige Institution VdS-Prüfzertifikate.
Worum geht es in der Richtlinie?
Die VdS-Richtlinie 3855 legt fest, wie Hochwasserschutzsysteme für einzelne Gebäude oder Grundstücke geprüft und bewertet werden. Sie richtet sich vor allem an Hersteller, Prüflabore und Planer, ist aber auch für Eigentümer wichtig, um die Qualität solcher Systeme besser einschätzen zu können.
Welche Systeme sind gemeint?
Betrachtet werden mechanische Hochwasserschutzsysteme, darunter Schutzplatten, mobile Sperren sowie hochwasserdichte Türen und Fenster. Unterschieden wird zwischen direktem Objektschutz, also Schutzsystemen die direkt am Gebäude wirken, und indirektem Objektschutz, so etwa vorgelagerte Barrieren vor dem Gebäude, die das Wasser vom Haus fernhalten. Nicht behandelt werden Deiche, fest eingebaute Großanlagen, Rückstauklappen oder elektrisch gesteuerte Systeme.
Wie werden die Systeme bewertet?
Die Schutzsysteme werden in Leistungsklassen A, B und C eingeteilt:
- Klasse A = Grundschutz
- Klasse B = mittlerer Schutz
- Klasse C = hoher Schutz
Das wichtigste Kriterium ist, wie viel Wasser trotz Schutz hindurchdringt (Wasserdurchlässigkeit). Direkte Schutzsysteme müssen dabei deutlich dichter sein als indirekte.
Welche Belastungen werden geprüft?
Die Systeme werden unter möglichst realistischen Bedingungen getestet, unter anderem bei ruhigem Wasser (statischer Wasserdruck), strömendem Wasser, Überströmen (wenn Wasser über die Oberkante läuft), Wellen sowie Anprall durch Treibgut (z. B. Holzstämme). Dabei darf das System nicht umkippen, wegrutschen oder beschädigt werden und muss innerhalb der erlaubten Wasserdurchlässigkeit bleiben.
Was müssen Hersteller liefern?
Für eine Prüfung sind umfangreiche Unterlagen nötig: technische Zeichnungen, Materialangaben, Nachweise zur Stabilität, Montage- und Bedienungsanleitungen sowie klare Angaben zu Einsatzgrenzen. Außerdem müssen die Produkte dauerhaft gekennzeichnet sein (Hersteller, Typ, Schutzklasse, VdS-Kennzeichen).
Werden die Bauteile auch in der Praxis getestet?
Nach der VdS-Richtlinie 3855 finden reale, physische Prüfungen an echten Prüfmustern statt, nicht nur Berechnungen oder Dokumentenprüfungen. Die Tests werden in spezialisierten Prüflaboren unter möglichst praxisnahen Bedingungen durchgeführt. Die Aufsicht bleibt dabei stets beim VdS. Nur das Institut selbst kann Zertifikate ausstellen.
Wie läuft das praktisch ab?
- Der Hersteller muss ein vollständig aufgebautes Hochwasserschutzsystem (inkl. Verbindungen, Dichtungen und Verankerungen) ins Prüflabor liefern.
- Das System wird dort tatsächlich mit Wasser beaufschlagt – auf einem Betonuntergrund und mit definierten Wasserständen, Temperaturen und Zeiten.
- Es wird geprüft, wie viel Wasser hindurchtritt, ob sich Bauteile verformen, lösen oder versagen, und ob das System stehen bleibt oder kippt.
Welche Belastungen werden real nachgestellt?
Je nach beauftragtem Prüfumfang werden folgende Situationen praktisch simuliert:
- Statischer Wasserdruck (lang anstehendes Hochwasser),
- Strömendes Wasser,
- Überströmen (Wasser läuft über die Oberkante),
- Wellenbelastung,
- Anprall durch Treibgut (z. B. schwere Holzklötze mit definierter Masse und Geschwindigkeit).
Alle Ergebnisse werden gemessen, dokumentiert und fotografisch festgehalten. Tritt ein sicherheitsrelevanter Schaden auf, wird die Prüfung abgebrochen – das gilt als Nichtbestehen. Die Richtlinie setzt bewusst auf echte Belastungstests im Labor, um sicherzustellen, dass Hochwasserschutzsysteme nicht nur theoretisch, sondern auch unter realistischen Extrembedingungen funktionieren.
Was bedeutet das für Anwender?
Die Richtlinie sorgt dafür, dass geprüfte Hochwasserschutzsysteme vergleichbar, nachvollziehbar getestet und zuverlässig sind. Eine VdS-Klassifizierung hilft Eigentümern und Planern, ein passendes Schutzniveau für ihr individuelles Hochwasserrisiko auszuwählen.
Überblick
Die ift-Richtlinie FE-07/3 beschreibt das Vorgehen zur Prüfung und Bewertung von Fenstern, Türen, Toren und Rollläden im Hinblick auf deren Leistungsfähigkeit bei Hochwasserbeanspruchung. Sie dient als Planungs- und Bemessungsgrundlage, um den Wassereintritt in Gebäude zu minimieren und damit Bauwerks- und Anlagenschäden bei von außen anstehendem Wasser zu begrenzen.
Worum geht es in der Richtlinie?
Die Richtlinie definiert einheitliche Prüf- und Bewertungsverfahren für Gebäudeabschlüsse unter Hochwasserbelastung und stellt damit eine Vergleichbarkeit der Produkte sicher. Ziel ist die Festlegung von Leistungsniveaus, auf deren Basis planerische Entscheidungen, Ausschreibungen und Nachweise für den Objektschutz getroffen werden können.
Welche Bauteile sind gemeint?
Die Richtlinie adressiert Gebäudeabschlüsse wie:
- Fenster und Fenstertüren
- Haus- und Kellertüren
- Tore
- Rollläden
Im Fokus stehen Bauteile, die stehendem Hochwasser über einen definierten Zeitraum widerstehen müssen. Strömungsbeanspruchungen, Wellenlasten oder mechanische Einwirkungen durch Treibgut (z. B. Baumstämme) sind nicht Bestandteil des Anwendungsbereichs.
Was bedeutet „hochwasserbeständig“?
Die Richtlinie unterscheidet mehrere Schutzstufen mit definierten Grenzwerten für zulässigen Wassereintritt:
- Wasserdicht: Kein Wassereintritt innerhalb von 24 Stunden.
- Wasserundurchlässig (1 l / 24 h): Sehr geringer Wassereintritt, maximal 1 Liter in 24 Stunden.
- Wasserundurchlässig (24 l / 24 h): Begrenzter Wassereintritt, maximal 24 Liter in 24 Stunden.
- Hochwasserbeständig: Maximal 240 Liter Wassereintritt in 24 Stunden bei einer Wasserhöhe von mindestens 0,5 Metern.
Ein begrenzter Wassereintritt wird toleriert, sofern er kontrollierbar bleibt, die Standsicherheit des Bauteils gewährleistet ist und die Gebrauchstauglichkeit nach der Belastung wiederhergestellt werden kann.
Wie wird geprüft?
Die Prüfung erfolgt an realen, funktionsfähigen Bauteilen im eingebauten Zustand: Ein vollständiges Element (z. B. Fenster, Tür oder Tor) wird in eine Prüfwand integriert und von außen mit Wasser bis zu definierten Stauhöhen beaufschlagt. Jede Laststufe wirkt über einen Zeitraum von bis zu 24 Stunden. Während der Prüfung werden unter anderem erfasst:
- Volumen und Verlauf des Wassereintritts
- Verformungen, Bruch oder Versagen von Profilen, Füllungen und Verglasungen
- Funktionsfähigkeit von Beschlägen, Dichtungen und Verriegelungen
Brüche tragender Bauteile, unzulässig hohe Leckraten oder der Verlust der Funktionsfähigkeit gelten als Versagen im Sinne der Richtlinie.
Was ist bei Planung und Nutzung wichtig?
Für die erzielbare Hochwasserleistung ist die fachgerechte Planung und Montage ebenso maßgeblich wie die Bauteilqualität selbst. Fehlerhafte Anschlüsse, unzureichende Abdichtung der Anschlussfugen oder nicht abgestimmte Schnittstellen zu Ausbaugewerken können zum Versagen führen, selbst wenn das geprüfte Element die Anforderungen erfüllt. Zu berücksichtigen sind insbesondere:
- Flucht- und Rettungswege: Unter Hochwasserdruck können Türen und Fenster nicht oder nur mit erheblichem Kraftaufwand geöffnet werden; dies ist in Fluchtwegkonzepten zu bewerten.
- Nutzerinformation: Bedienungs- und Montageanleitungen müssen eindeutig regeln, wie der Hochwasserschutz herzustellen, zu aktivieren und zu warten ist.
Was bringt die Richtlinie für Anwender?
Die Richtlinie stellt klar definierte, reproduzierbare Prüfbedingungen bereit und schafft damit eine belastbare Grundlage für den Vergleich von Produkten und Systemen. Bauherrschaften, Fachleute und Versicherer können nachvollziehbar erkennen, bis zu welcher Wasserhöhe ein Element geeignet ist und welches Leckagevolumen im Lastfall zu erwarten ist. Damit unterstützt die Richtlinie:
- die eindeutige Spezifikation in Ausschreibungen
- die objektbezogene Risiko- und Schadensbewertung
- die Abstimmung zwischen Architektur, Tragwerksplanung, TGA-Planung und Objektschutzkonzepten.
