87 Millionen – Forschung – Multigefahrenkarte

Wenn Risiken zusammenkommen: Neue Studie zeigt Multigefahren-Hotspots in Europa

Naturgefahren werden in der Praxis häufig einzeln betrachtet. Viele Regionen sind jedoch gleichzeitig mehreren Gefahren ausgesetzt. Ein typisches Beispiel ist ein Küstenort, in dem sowohl Sturmereignisse als auch Hochwasser auftreten können. Solche Mehrfachbelastungen werden als Multirisiken oder Multigefahren bezeichnet. Multigefahren stellen besonders hohe Anforderungen an Vorsorge, Raumplanung und Katastrophenschutz. Das liegt unter anderem daran, dass sich unterschiedliche Naturgefahren gegenseitig verstärken können. Ein anschauliches Beispiel ist ein Waldbrand, dem Starkregen folgt. Durch verbrannte Vegetation und geschädigten Boden verstärkt sich die Wirkung von darauffolgenden Sturzfluten. Der Schaden ist in solchen Fällen größer als die Summe der einzelnen Ereignisse.

Eine aktuelle Studie von Antofie und Coautoren aus dem Jahr 2025 hat erstmals systematisch untersucht, wie solche Multigefahren in Europa räumlich verteilt sind und welche Regionen besonders betroffen sind.

Gefährdung durch Multirisiken
Rote Flecken auf der Karte zeigen Gebiete, die überdurchschnittlich stark durch mehrere Naturgefahren betroffen sind. Blaue Flecken dagegen zeigen Regionen, in denen unterdurchschnittlich wenig Gefahr durch mehr als eine Naturgefahr droht. Weiß und gelb markierte Gebiete zeigen keine eindeutige Tendenz. Deutschland hat vergleichsweise wenig Gebiete mit ausgeprägtem Risiko durch mehrere Naturgefahren, die meisten dieser Gegenden finden sich laut Studie im Mittelmeerraum (Abbildung aus Antofie et al., 2025).

Welche Naturgefahren wurden untersucht?

Die Studie betrachtet sechs weit verbreitete Naturgefahren in Europa: Küstenhochwasser, Flussüberschwemmungen, Hangrutschungen, Erdbeben, Waldbrände sowie Bodenabsenkungen, etwa infolge von Trockenheit.

Zunächst wurde ermittelt, wo Bevölkerung und Wohnbebauung einer jeweiligen Naturgefahr ausgesetzt sind. Anschließend wurden diese Informationen räumlich kombiniert. So konnten Gemeinden identifiziert werden, die gleichzeitig mehreren Naturgefahren ausgesetzt sind.

Hotspots und Coldspots

Als „Hotspots“ gelten Regionen, die im Vergleich zu ihrer Umgebung überdurchschnittlich stark betroffen sind (die roten Flecken in der Abbildung). Die Intensität einzelner Ereignisse wurde dabei nicht berücksichtigt, sondern ausschließlich der räumlichen Ausdehnung und die Exposition von Menschen und Gebäuden. „Coldspots“ dagegen sind Gegenden, in denen unterdurchschnittlich viel Gefahr durch mehrere Naturgefahren droht (blaue Flecken auf der Karte).

Etwa 87 Millionen Menschen sind Multirisken ausgesetzt

Europaweit sind rund 21,4 Prozent aller Gemeinden mindestens zwei der untersuchten Naturgefahren ausgesetzt. Das betrifft etwa 87 Millionen Menschen, also knapp 19 Prozent der europäischen Bevölkerung. Fast die Hälfte dieser Menschen lebt sogar in Regionen mit drei oder mehr gleichzeitigen Naturgefahren.

Sozialer Status spielt eine wichtige Rolle – allerdings teilweise gegensätzlich innerhalb der EU

Ein zentrales Ergebnis der Studie ist, dass Bevölkerungsdichte allein die Risikoverteilung nicht erklärt. Das Einkommensniveau einer Region spielt eine entscheidende Rolle. In Deutschland treten Multigefahren besonders häufig in wohlhabenden städtischen Regionen auf, in denen viele Menschen und hohe Sachwerte konzentriert sind. In einkommensschwächeren ländlichen Gebieten ist die Mehrfachgefährdung geringer ausgeprägt. In anderen Teilen Europas, vor allem in Süd- und Osteuropa, sind dagegen häufig strukturschwache ländliche Regionen besonders stark von mehreren Naturgefahren betroffen.

Warum lokale Gefahrenkarten unverzichtbar bleiben

Trotz ihres hohen Nutzens ersetzt die Studie keine lokalen Gefahrenanalysen. Zu beachten ist auch, dass Regionen, die nur von einer einzelnen Naturgefahr betroffen sind, ein sehr hohes Risiko aufweisen können (etwa wenn man in einer Überflutungseben baut). Zudem lassen sich lokale Phänomene wie Sturzfluten oder Hangrutschungen nur mit sehr hoher räumlicher Auflösung zuverlässig erfassen.

Deshalb bleiben regionale Gefahrenkarten unverzichtbar. Sie sind notwendig, um Risiken vor Ort realistisch einzuschätzen und konkrete Schutzmaßnahmen zu planen.

Hier können Sie die Studie im Original herunterladen:


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