Eine neue Karte zeigt in der bisher höchsten Auflösung Hagelhotspots und Trends
Hagel gehört in Deutschland zu den teuersten Naturgefahren. Ein besonders bekanntes Beispiel ist der Hagelsturm „Andreas“, der Ende Juli 2013 in Süddeutschland tobte. Innerhalb weniger Stunden entstanden versicherte Schäden von mehr als vier Milliarden Euro. Solche Ereignisse sind gut dokumentiert – doch lange fehlte eine einheitliche, deutschlandweite Datengrundlage, um systematisch zu untersuchen, wo Hagel besonders häufig auftritt.

Eine aktuelle Auswertung von Susanna Mohr und Coautoren vom KIT in Karlsruhe schließt diese Lücke. Erstmals wurde für ganz Deutschland eine 20-jährige Hagelstatistik erstellt. Grundlage sind Wetterradardaten aus den Jahren 2005 bis 2024. Damit lässt sich zeigen, in welchen Regionen Gewitter besonders oft Hagel bringen, wie sich diese Gewitter bewegen und ob es regionale Veränderungen gibt. Auf elementa.org können Sie genau diese Karte exklusiv einsehen.
Warum Hagel schwer zu erfassen ist
Hagel tritt meist sehr lokal auf. Oft sind nur wenige Quadratkilometer betroffen, während benachbarte Orte verschont bleiben. Klassische Messstationen reichen deshalb nicht aus, um ein vollständiges Bild zu bekommen, zumal diese zumindest in Deutschland routinemäßig keine Hageldaten aufzeichnen. Versicherungsdaten helfen zwar weiter, erfassen aber nur Ereignisse mit großen Hagelkörnern (ab 2 cm Durchmesser). Die Schadenhöhe hängt auch von dem Alter der Bebauung ab, so sind etwa Neubauten mit Photovoltaikanlagen anfälliger als ältere Bausubstanz.
Deshalb basiert die neue Hagelkarte auf Wetterradardaten. Radare messen Niederschlag, indem sie Signale aussenden, die von Regen- oder Eisteilchen zurückgeworfen werden. Große, feste Partikel wie Hagel erzeugen besonders starke Signale. Wenn solche Werte auftreten, deutet das auf hagelträchtige Gewitter hin.
Wie die Hagelzugbahnen ermittelt wurden
Für die Untersuchung wurden die Daten von je nach Ereignis 16-17 Wetterradaren in ganz Deutschland ausgewertet. Ein spezielles Computerprogramm identifizierte Gewitterzellen mit besonders starken Radarsignalen und verfolgte deren Zugbahnen über mehrere Stunden hinweg.
Wichtig ist: Erfasst wird das Hagelpotenzial. Das Radar erkennt starke Signale in der Gewitterwolke, kann aber nicht sicher sagen, ob die Hagelkörner tatsächlich bis zum Boden gelangen oder vorher schmelzen. Deshalb spricht man von „potenziellen Hagelzugbahnen“.
Um die Ergebnisse zu überprüfen, wurden sie mit Schadendaten aus der Gebäudeversicherung verglichen. Dabei zeigte sich insgesamt eine hohe Übereinstimmung. Besonders starke und schadensrelevante Ereignisse werden zuverlässig abgebildet.

Deutliche Unterschiede zwischen Nord und Süd
Die neue Hagelkarte zeigt einen klaren Trend: In Süddeutschland tritt Hagel deutlich häufiger auf als im Norden. Besonders betroffen sind die Schwäbische Alb südlich von Stuttgart sowie das bayerische Alpenvorland. Ein Schwerpunkt liegt im Raum Reutlingen.
Auch Mittelgebirge wie das Erzgebirge, das Hessische Bergland oder das Rheinische Schiefergebirge zeigen erhöhte Werte. Berge und Hügel können Luftströmungen beeinflussen und die Bildung von Gewittern begünstigen. Zusammen mit feuchter, warmer Sommerluft entstehen dort besonders günstige Bedingungen für kräftige Gewitter.
Typische Zugrichtung der Gewitter
Die meisten hagelträchtigen Gewitter ziehen von Südwest nach Nordost über Deutschland. Das passt zu typischen Wetterlagen im Sommer, bei denen feuchtwarme Luft aus südwestlichen Richtungen herangeführt wird. Unter solchen Bedingungen können sich gut organisierte Gewitter (sog. Superzellen) entwickeln, die häufig Hagel mit sich bringen.
Keine bundesweite Zunahme – aber regionale Trends
Über den betrachteten Zeitraum von 20 Jahren zeigt sich für ganz Deutschland insgesamt kein klarer Trend nach oben oder unten. Die Zahl der hagelträchtigen Gewitter schwankt von Jahr zu Jahr deutlich, bleibt aber im Mittel relativ stabil.
Regional sieht das anders aus. In Teilen Nord- und Mitteldeutschlands ist eher eine leichte Abnahme zu erkennen. Dagegen zeigen einige Regionen in Süddeutschland, insbesondere rund um die Schwäbische Alb und im Alpenvorland, eine Zunahme. Das Bild ist also differenziert.
Die oft geäußerte Annahme, dass wärmere Temperaturen automatisch zu mehr Hagel führen, greift offenbar zu kurz. Die Entstehung von Hagel hängt von vielen Faktoren ab – etwa von der Feuchtigkeit der Luft, von Windverhältnissen in verschiedenen Höhen und von der Großwetterlage. Warme Luft etwa lässt Hagelkörner auf dem Weg zur Erdoberfläche eher schmelzen. Diese Bedingungen entwickeln sich regional unterschiedlich.

Bedeutung für Planung und Risikobewertung
Mit der neuen Hagelkarte liegt erstmals eine einheitliche, deutschlandweite Übersicht über zwei Jahrzehnte vor. Für Versicherungen, Bauplanung und Kommunen ist das eine wichtige Grundlage, um Risiken besser einzuschätzen.
Gleichzeitig zeigt die Analyse: Extremwetter entwickelt sich nicht überall gleich. Während einige Regionen stärker betroffen sein könnten, bleiben andere stabil oder zeigen sogar rückläufige Werte. Für eine realistische Bewertung künftiger Risiken ist deshalb ein genauer Blick auf die regionalen Unterschiede entscheidend.
Hier können Sie die Studie im Original herunterladen:
Wie sieht es mit der Hagelgefährdung an Ihrem Grundstück aus – unsere Hagelgefahrenkarte hilft Ihnen bei der Einschätzung.



