Rechnen sich Investitionen in den Hochwasserschutz?

Vorsorge am Eigenheim: Jeder Euro zahlt sich aus

Viele wissenschaftliche Studien befassen sich mit der Frage, wie sich Schäden durch Flusshochwasser verringern lassen. Deutlich weniger untersucht ist jedoch, welche Maßnahmen auch wirtschaftlich besonders sinnvoll sind. Die meisten bisherigen Kosten-Nutzen-Analysen beschränkten sich auf einzelne Regionen. Eine Vergleichsstudie liefert nun einen europäischen Überblick.

Deiche haben ein hohes örtliches Schutzpotenzial, sind für flussabwärts liegende Anrainer nicht ohne Risiko.
Deiche: Hohes, örtliches Schutzpotenzial, aber auch Nachteile. © Adobe Stock

Vier Strategien im Fokus

Francesco Dottori vom Institut für Umwelt und Nachhaltigkeit der Gemeinsamen Forschungsstelle der Europäischen Kommission und sein Forschungsteam haben dafür 2023 vier zentrale Strategien zur Hochwasservorsorge in Europa verglichen: Deiche erhöhen, Retentionsflächen schaffen, Gebäude hochwasserangepasst ertüchtigen und besonders gefährdete Siedlungen verlagern. Die Studie untersucht verschiedene Klimaszenarien bis zum Jahr 2100 und stellt die Kosten für Bau und Unterhaltung den dadurch vermiedenen Hochwasserschäden gegenüber. Das Fazit: Retentionsflächen haben aus ökonomischer Perspektive die beste Wirkung.

Ohne Anpassung steigen die Hochwasserschäden stark

Bei einer globalen Erwärmung um drei Grad Celsius und ohne zusätzliche Schutzmaßnahmen könnten die jährlichen Schäden durch Flusshochwasser in Europa bis zum Ende des Jahrhunderts von heute rund 7,6 Milliarden auf etwa 44 Milliarden Euro steigen. Pro Jahr wären dann etwa eine halbe Million Menschen von Überschwemmungen betroffen. Hauptursache dieses Anstiegs ist in den meisten Ländern der Klimawandel, so auch in Deutschland. Die Zunahme von Bauprojekten in überschwemmungsgefährdeten Regionen ist der zweite, wichtige Faktor.

Deiche: wirksam, aber nicht ohne Nachteile

Das Erhöhen und Verstärken von Deichen ist in vielen Regionen wirtschaftlich sinnvoll. Europaweit liegt der Nutzen je investiertem Euro zwischen 2,7 und 4,5 Euro, die an Schäden eingespart werden. Für Deutschland errechnet die Studie ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 3,2. Ein Euro Investition verhindert also 3,20 Euro Schaden. Die erwarteten Hochwasserschäden könnten um etwa 74 Prozent sinken. Dafür wären im Durchschnitt Investitionen von rund 454 Millionen Euro pro Jahr erforderlich.

Die Wirkung unterscheidet sich jedoch regional. Besonders am Ober- und Mittelrhein sowie am Main können höhere Deiche einen großen Nutzen haben. In anderen Regionen ist der zusätzliche Effekt geringer, etwa weil bereits ein hohes Schutzniveau besteht.

Gefahr für flussabwärts lebende Menschen

Deichbau hat allerdings auch Nebenwirkungen: Er verstärkt Hochwasserspitzen und damit das Überflutungsrisiko flussabwärts, so dass andere Kommunen negative Auswirkungen tragen müssen. Deiche greifen in die natürlichen hydrologischen Bedingungen von Flüssen und Auen ein und reduzieren ökologisch wertvolle Feuchtgebiete. Außerdem können eingedeichte Gebiete ein falsches Gefühl der Sicherheit vermitteln und weitere Bebauung in gefährdeten Bereichen begünstigen.

Je mehr Überflutungsfläche ein Flusslauf hat, desto weniger besteht die Gefahr, sensible Flächen wie etwa Wohngebiete zu überfluten.
Renaturierte Flussläufe wie die Elbauen mit Altarm bieten viel Retentionsraum für Hochwasser. © Adobe Stock

Retentionsflächen bieten den größten wirtschaftlichen Nutzen

Retentionsflächen nehmen bei Hochwasser gezielt Wasser auf und geben es später wieder ab. Dadurch sinkt der Hochwasserscheitel. Anders als Deiche schützen sie nicht nur den Ort der Maßnahme, sondern auch weiter flussabwärts gelegene Gebiete.

Diese Strategie schneidet in der Studie am besten ab. Europaweit werden mit jedem investierten Euro durchschnittlich 4,2 Euro an Schäden vermieden. Im Drei-Grad-Szenario liegt in Deutschland das Nutzen-Kosten-Verhältnis bei 3,8. Die erwarteten Schäden könnten um rund 80 Prozent sinken. Die jährlichen Kosten von etwa 383 Millionen Euro wären niedriger als beim Deichausbau. Retentionsflächen können zudem Auen und natürliche Überschwemmungsgebiete wiederherstellen. Das verbessert den Wasserrückhalt, schafft Lebensräume und stärkt das ökologische Gleichgewicht. Dem stehen jedoch Nutzungskonflikte entgegen: Für Rückhalteräume müssen teilweise wertvolle Acker-, Gewerbe- oder Bauflächen aufgegeben werden, was politisch heikel ist.

Gebäudeschutz: lokal besonders wichtig

Bauliche Hochwasservorsorge kann verhindern, dass Wasser in ein Gebäude eindringt, oder zumindest die Schäden begrenzen. Dazu zählen beispielsweise druckwasserdichte Fenster und Türen, Rückstausicherungen, erhöhte Haustechnik und eine hochwasserangepasste Nutzung von Kellerräumen.

Für Deutschland berechnet die Studie ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 2,0. Die bundesweite Schadensminderung fällt mit 0,3 Prozent allerdings gering aus. Das liegt daran, dass diese kleinräumlichen Maßnahmen nur einzelne Objekte schützen. Sie senken weder den Wasserstand eines Flusses noch reduzieren sie Schäden an Straßen, Landwirtschaft oder anderer Infrastruktur.

Auf Gebäudeebene können solche Maßnahmen dennoch sehr wirksam sein. Retentionsräume und Deiche sind vor allem Aufgaben der öffentlichen Hand. Hauseigentümer verringern durch individuelle Vorsorge deutlich ihr eigenes Schadenrisiko. Wie das geht erfahren Sie zum Thema Starkregen hier, zum Verringern von Hochwasserrisiko hier.

Retentionsräume können in dicht besiedelten Gegenden gleichzeitig Naherholungsräume sein.
Auch in dicht bebauten Regionen wie etwa dem Ruhrgebiet lassen sich Retentionsräume schaffen.© Adobe Stock

Umsiedlung bleibt die Ausnahme

In besonders gefährdeten Gebieten kann es notwendig sein, Gebäude oder ganze Siedlungsbereiche aufzugeben. Langfristig beseitigt eine Umsiedlung das Hochwasserrisiko am wirksamsten, weil Menschen und Sachwerte vollständig aus dem Gefahrenbereich entfernt werden.

Sie ist jedoch teuer und gesellschaftlich schwer umzusetzen. Neben Abriss und Neubau müssen Grundstücke, Verkehrswege und andere Infrastrukturen ersetzt werden. Hinzu kommt der Verlust des vertrauten Wohnumfeldes.

Für Deutschland weist die Studie zwar ein Nutzen-Kosten-Verhältnis von 4,3 aus. Die Wirkung auf die gesamten Hochwasserschäden ist jedoch so klein, dass sie im Endeffekt bei nahezu null Prozent liegt. Umsiedlungen rechnen sich daher nur an wenigen, besonders stark und wiederholt betroffenen Standorten.

Fazit: Flüssen mehr Raum geben

Die Studie zeigt, dass Hochwasservorsorge nicht nur Menschen und Gebäude schützt, sondern sich auch wirtschaftlich lohnt. Besonders Retentionsflächen bieten ein sehr günstiges Verhältnis zwischen Investitionen und vermiedenen Schäden.

Die Ergebnisse sollten für die öffentliche Hand ein Anlass sein, bei der Ausweisung von Rückhalteräumen nicht nur die politischen Konflikte und den Flächenverlust zu betrachten. Auch der langfristige wirtschaftliche Nutzen muss berücksichtigt werden. Am wirkungsvollsten ist eine Kombination aus Retentionsflächen, Deichen, vorausschauender Raumplanung und baulicher Vorsorge an einzelnen Gebäuden.


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