,

Forschung – Globale Hagelhotspots

Weltweite Studie: Sehr großer Hagel nimmt in Europa zu, in Südamerika ab

Eine internationale Studie hat die weltweiten Trends bei Hagelstürmen mit sehr großen Hagelkörnern (mindestens 5 cm Durchmesser) untersucht. Das Ergebnis zeigt deutliche regionale Unterschiede: In Europa häufen sich solche Extremereignisse in den letzten Jahrzehnten, während auf der Südhalbkugel – etwa in Südamerika – ein Rückgang zu beobachten ist. Die Forscher analysierten außerdem die zunehmenden Schäden durch derart großen Hagel und betonen die Bedeutung regional angepasster Vorsorgemaßnahmen.

Anzahl der Hagelereignisse mit Hagelkörnern von mindestens 5 cm Durchmesser pro Jahr. Kreise zeigen weltweite Großhagel-Hotspots, in denen es häufiger zu solchen Großhagelereignissen kommt (Abbildung verändert aus Battaglioli et al., 2025). Man beachte: eine Häufigkeit von 0.5 bedeutet, dass im Durchschnitt alle 2 Jahre so ein Ereignis stattfindet! Bei den Hotspots in der Nordhemisphäre gibt es eine Tendenz zu mehr Großhagelereignissen, bei denen in der Südhemisphäre ist es umgekehrt.© Battaglioli et al. (2025) Contrasting trends in very large hail events and related economic losses across the globe. Nature Geoscience, https://doi.org/10.1038/s41561-025-01868-0

Regionale Unterschiede: Argentinien als Hagel-Hotspot

Sehr großer Hagel entsteht global gesehen nicht überall gleichermaßen häufig. Als weltweiter Hotspot identifizierte die Studie das nördliche Argentinien: Dort treten Hagelstürme mit Körnern über 5 cm am häufigsten auf, im Durchschnitt alle zwei Jahre!. Weitere Hotspots sind die Great Plains in den zentralen USA und Teile Südafrikas, sowie der westliche Mittelmeerraum (insbesondere Norditalien). Demgegenüber verzeichnen große Teile Asiens – und in etwas geringerem Maße auch Europa und Australien – deutlich weniger derart extreme Hagelereignisse.

Ein massiver Hagelsturm in La Cruz (Argentinien) am 26. Oktober 2017. Nordargentinien ist DER Hagelhotspot weltweit.© Argentina's National Meteorological Service

Analyse über 74 Jahre

Um diese globalen Erkenntnisse zu gewinnen, kombinierten die Wissenschaftler modernste Statistik mit umfassenden Wetterdaten. Hagel in dieser Größe wird in Wetteraufzeichnungen nicht direkt erfasst, daher kam ein spezielles statistisches Modell namens AR-CHaMo („Additive Regression Convective Hazard Model“) zum Einsatz. Dieses Modell wurde mit bekannten Unwetterdaten trainiert und berechnet anhand von atmosphärischen Parametern – etwa Instabilität, Feuchtigkeit und Windscherung – die Wahrscheinlichkeit von sehr großem Hagel. Mit diesem indirekten Ansatz konnten über Jahrzehnte und Regionen hinweg jene Zeiträume identifiziert werden, in denen die Umgebungsluft Hagel von mehr als 5 cm Durchmesser begünstigt. Die Methodik ermöglichte erstmals einen konsistenten weltweiten Vergleich, auch für Gegenden ohne dichtes Wetterbeobachtungs-Netz.

Entwicklung in den letzten Jahrzehnten: Europa mit starkem Anstieg

Die langfristige Analyse zeigt, dass sich die Häufigkeit von extremem Hagel regional sehr unterschiedlich entwickelt hat. Europa verzeichnet den stärksten Anstieg: Besonders in Teilen Südeuropas – etwa Norditalien und umliegenden Regionen – nimmt die Zahl sehr großer Hagelstürme seit einigen Jahrzehnten markant zu. Dem entgegen steht die Entwicklung in der Südhalbkugel: In vielen Gebieten Südamerikas sowie in Südafrika gehen die Häufigkeiten spürbar zurück. So ist ausgerechnet der globale Hagel-Hotspot Nordargentinien heute weniger aktiv als früher. Diese gegensätzlichen Trends bedeuten, dass es keine einheitliche globale Veränderung gibt, sondern starke regionale Unterschiede darin, ob extremer Hagel häufiger oder seltener wird.

Klimawandel: Wärmere Luft begünstigt Hagel – aber nicht überall

Die Studie untersuchte auch den Zusammenhang zwischen Klima und Hageltrends. Ein zentrales Ergebnis: Steigende Temperaturen begünstigen nicht überall automatisch mehr Hagel. In Europa, besonders im Hagelhotspot Norditalien scheint der Klimawandel das Auftreten von Großhagelereignisse zu begünstigen. Die Häufigkeitszunahme dort korreliert mit wärmerem Wetter und insbesondere mit feuchterer Luft und instabileren Atmosphärenschichten, was kräftige Gewitter begünstigt. Andererseits gibt es Regionen, in denen die Erderwärmung nicht zu mehr Hagel führt: In Nordargentinien etwa hat eine verringerte Feuchtigkeitszufuhr vom Atlantik her zu einer Abnahme heftiger Gewitter geführt.

Milliardenschäden durch große Hagelkörner belasten Versicherungen

Extrem großer Hagel ist nicht nur ein meteorologisches Phänomen, sondern auch ein wirtschaftliches Problem. Hagelstürme zählen in vielen Ländern zu den teuersten Unwetterarten. In den USA etwa verursacht Hagel in Summe jährlich Schäden im hohen einstelligen bis niedrigen zweistelligen Milliarden-Dollar-Bereich – ähnlich viel wie manche Hurrikane. Einzelne Hagelstürme führten bereits zu Rekordschäden: So verursachte ein Unwetter mit riesigen Hagelkörnern in Norditalien 2023 Schäden von rund 6 Milliarden US-Dollar. Schäden durch Hagel unter 2 cm Größe betreffen meist die Landwirtschaft, doch Hagelkörner über 5 cm richten vor allem an Gebäuden und Fahrzeugen schlagartig exponentiell höhere Zerstörungen an.

Die neue Studie zeigt, dass die Zunahme der Schäden regional unterschiedliche Ursachen hat. In Europa etwa liegen die wachsenden Versicherungsschäden vor allem daran, dass sehr große Hagelereignisse häufiger auftreten. In den USA und Australien hingegen steigen die Schäden überproportioal zur Häufigkeit starker Hagelstürme. Hier spielen vor allem gesellschaftliche Faktoren eine Rolle. Mehr Menschen und Sachwerte befinden sich in gefährdeten Gebieten. Dadurch enden Hagelstürme dort immer öfter als teure Versicherungsfälle, selbst wenn das Klima vor Ort nicht deutlich mehr Hagel produziert.

Bedeutung für Risikomanagement und Prävention

Angesichts dieser Befunde gerade für Europa rücken Maßnahmen der Klimaanpassung in den Fokus: Dazu zählen robuste Bauweisen (z.B. hagelfeste Dächer), Frühwarnsysteme und Bewusstseinsbildung, um Schäden zu begrenzen. Die Studie verdeutlicht insgesamt, dass Hagel als Naturgefahr ernst genommen werden muss. Die unterschiedlichen regionalen Trends unterstreichen die Notwendigkeit, präventive Maßnahmen und Versicherungsmodelle laufend anzupassen. Nur so lassen sich die Schäden durch sehr großen Hagel in Zukunft begrenzen, egal ob die Ereignisse häufiger oder, wie in manchen Regionen, seltener werden.

Hier können Sie die Studie im Original herunterladen:


Weitere Informationen

Weiterlesen